Er brachte das Du nicht über die Lippen, obwohl sie nun seine Braut war. Die Situation war ihm äußerst ungemütlich; er hatte sich auch zu schnell hinreißen lassen. Sie schwieg noch immer; nur ein unterdrücktes Schluchzen verriet, was in ihr vorging.
Da fühlte er sich gekränkt. »Ja, wenn ich Ihnen so widerwärtig bin, Beate, dann machen Sie doch ein Ende. Aufdrängen will ich mich Ihnen nicht, und die Schuld liegt lediglich an mir.« Er nagte an seinem hübschen, dunklen Bärtchen und blickte verdrießlich vor sich hin.
Sie schüttelte heftig den Kopf und in halberstickten Tränen rang es sich von ihrem Munde: »Es war nur alles so schnell, so plötzlich, und nun muß ich doch meinen Beruf aufgeben.«
Um Gottes willen, Rolf durfte ja nie ahnen, daß es nur die große Scham war, die sie so unglücklich sein ließ, die Scham darüber, daß sie vielleicht durch ihr halbes Entgegenkommen einem Manne den Mut gemacht, sie zu küssen. Und Beate Haßler küßt nur den Mann, dem sie sich fürs Leben zu eigen geben will! Um diesen Punkt drehten sich alle ihre Gedanken.
Bei ihren Worten atmete Rolf erleichtert auf. Wenn es nur das war, was sie so bekümmert sein ließ, dann war es ja nicht schlimm. »Ja, das allerdings, Beate,« entgegnete er ernst. »Aber ich denke, daß es Ihnen nicht gar zu schwer sein wird. Meine Liebe soll Ihnen alles ersetzen, was Sie aufgeben. Ich will Sie glücklich machen, Beate, soviel in meinen Kräften steht, nur wissen muß ich, ob Sie mich lieb haben.« Er war ganz nahe zu ihr getreten; sie fühlte seine Nähe, die sie beängstigte, verwirrte, und tief senkte sie den blonden Kopf.
»Beate«, er faßte sie mit der gesunden Hand an der Schulter und zwang sie, ihn anzusehen, »warum sprechen Sie denn nicht?« Ärgerlich klemmte er die Unterlippe zwischen die Zähne, und seine Stirn furchte sich.
»Haben Sie doch Nachsicht mit mir!« flehte sie.
»Alles, Beate — nur sagen sollst du mir, ob du mich lieb hast!« rief er ungestüm.
»Ja!«
So leise sie es gesagt, sie mußte es ja tun, er hatte es doch verstanden. Mit einem Male war der Bann von ihm gelöst. Keinen Augenblick zweifelte er an ihrem Wort, und mit einem Jubelruf schloß er sie in seinen Arm. Ihren stillen Widerstand hielt er für mädchenhafte Scheu, für Stolz und Trotz, daß sie wider Willen so schnell die Seine werden mußte, und wie ein Rausch überkam es ihn, dieses seltene Geschöpf an seinem Herzen zu halten. Er preßte seine Lippen auf ihr schimmerndes Haar, auf ihre Augen, auf den blühenden Mund und flüsterte ihr zwischen seinen Küssen die zärtlichsten Liebkosungen zu, und sie ließ sich von der Gewalt seiner Leidenschaften mit forttragen, denn denken durfte sie ja nicht!