Natürlich war bei Papa und Mama Haßler die Überraschung groß, als Adolf ihnen mitgeteilt, daß er soeben Zeuge von Beates Verlobung mit Rolf von Hagendorf gewesen war. Als Beate die Eltern kommen hörte, riß sie sich aus den Armen des Verlobten und flüchtete auf ihr Zimmer — o, nur eine kurze Zeit der Sammlung!
Halb verlegen trat Hagendorf ihnen entgegen; er suchte nach Worten, eine offizielle Werbung vorzubringen. Doch zu seiner Erleichterung wurde flüchtig darüber hingegangen; man begnügte sich mit der vollzogenen Tatsache und hieß ihn herzlich in der Familie willkommen. Er war doch kein Fremder mehr. Durch Adolf wußte man, daß er in glänzenden Verhältnissen lebte; er war eine sogenannte »gute Partie«, um die man Beate sicher beneiden würde.
Am meisten freuten sich die Eltern darüber, daß die Tochter nun endgültig daran denken mußte, ihren Beruf aufzugeben, der ja nie nach ihrem Sinn gewesen war.
Beate lag in ihrem Zimmer vor ihrem Bett, das Gesicht tief in die Kissen gewühlt, um das Schluchzen zu unterdrücken, das ihren Körper schüttelte. Was in ihr vorging, war unbeschreiblich. So streng ging sie mit sich ins Gericht und klagte sich an, durch ihr Verhalten Rolf Hagendorf zu seinem kecken Vorgehen ermutigt zu haben; er war nicht der Mann, der eine Blume an seinem Wege ungebrochen ließ, und nun mußte sie jene einzige Minute so bitter büßen!
Ihr ganzes, schönes, arbeitsfreudiges Leben lang! Denn eher wäre sie gestorben, als zuzugeben, daß sie sich in einer verliebten Laune hatte küssen lassen.
Wenn sie auch Rolf ganz gern hatte, so genügte dieses Gefühl doch nicht, ein Leben an seiner Seite ihr wünschenswert erscheinen zu lassen. Dazu hatten sie viel zu wenig Berührungspunkte und gemeinsame Interessen. Sie war eine zu ernst und tief angelegte Natur, um das nicht schmerzlich zu empfinden. Rolf war ein glänzender Schmetterling, der über die schwierigen Fragen des Lebens gaukelte, sie mit einem Lächeln abtuend.
Wie anders war dagegen Georg Scharfenberg! »Streber« hatte ihn Adolf genannt — nein, das war er sicher nicht — aber ein Mann, dessen Lebenszweck ein immer weiteres Forschen nach Erkenntnis war. So gut begriff sie ihn; keine wohl verstand ihn wie sie, und doch hatte er jetzt sein Herz einer anderen zugewandt! Die war wohl fügsamer, nachgiebiger, als die Jugendgeliebte, die aus gleichem Holz wie er geschnitzt war. Bei dem Gedanken an ihn kam es wie ein stiller Trotz über sie; er hatte sie verschmäht, sich nie wieder um sie gekümmert; nun war es ganz gut, wenn er sah, daß sie trotzdem noch begehrenswert war, sogar für einen Mann, der zu den Begünstigten seines Geschlechtes gehörte!
Endlich raffte sie sich auf, damit ihr Fernbleiben nicht unliebsam auffiel. Sie kühlte die brennenden Augen und ordnete ihr zerzaustes Haar; auch legte sie ein anderes, festlicheres Kleid an.
Mit Ungeduld wurde sie schon unten erwartet.
»Meine liebe Beate, Kind, wie hast du uns überrascht und erfreut.« Mit Tränen umarmte Frau Haßler ihre Tochter, die sich wie ein müdes, verflattertes Vögelchen an sie schmiegte.