Mehr als ein halbes Jahr war Dr. Beate Haßler nun schon Frau Oberleutnant v. Hagendorf und wegen ihrer Schönheit und Klugheit sehr gefeiert. Sie hatte es verstanden, sich durch ihr Auftreten eine Stellung zu schaffen, wenngleich anfangs von einigen Seiten sehr gegen sie intrigiert wurde; man hatte es dem »Fräulein Doktor« übel vermerkt, den Liebling der Gesellschaft für sich eingefangen zu haben; wer weiß, ob sie es verstand, ihn glücklich zu machen! — Eine Studierte als Hausfrau — undenkbar!
Aber selbst die aufmerksamsten Beobachter vermochten nicht, in dem Haushalt Beates die kleinste Unregelmäßigkeit zu entdecken; es ging alles am Schnürchen; sie repräsentierte mit ruhiger Würde, und nach der tadellos verlaufenen ersten Gesellschaft, vor der ihm doch ein wenig gebangt, schloß Rolf Hagendorf sein junges Weib stürmisch in die Arme; es hatte alles vorzüglich geklappt, und in den anerkennendsten Worten hatte ihm die gestrenge und gefürchtete Kommandeuse ihre Befriedigung über den »so genußreichen Abend« und über seine reizende »Frau Doktor« ausgesprochen, der sie, offen gesagt, solch’ hausfrauliches Talent gar nicht zugetraut habe. — — — — —
Hagendorfs bewohnten eine kleine Villa für sich allein, die Beate mit dem ihr eigenen gediegenen Geschmack eingerichtet hatte. Es hatte ihr schließlich doch Freude gemacht und ihr in etwas über die quälenden Zweifel hinweggeholfen, denen sie manchmal zu unterliegen meinte. Aber ein Zurück gab es für sie nicht mehr, sie war gebunden für ihr ganzes Leben, und klar lag ihr Weg nun vor ihr, wenn er auch anders war, als sie einst geträumt!
Sie wußte ja, daß ihr Gatte ihr geistig nicht ebenbürtig war, daß er leicht über Fragen des Lebens hinwegging, die sie so gern mit ihm besprochen hätte. Daß er so oberflächlich war, wie er ihr sich jetzt zeigte, hatte sie aber doch nicht gedacht, und seufzend mußte sie den Gedanken aufgeben, Rolf nach ihrem Sinn zu modeln; Dienst, Sport und tausend Nichtigkeiten des Lebens bildeten sein Hauptinteresse — sie waren zwei ganz verschiedene Naturen, die sich innerlich niemals näherkommen konnten; Beate war im Grunde eine einsame Frau!
Sonst konnte sie sich aber keineswegs über den Gatten beklagen; denn mit größter Liebe und Aufmerksamkeit umgab er sein junges Weib. Der Sommer war Beate ganz erträglich vergangen; aber vor dem Winter graute ihr, der sie in ein gesellschaftliches Leben hineinziehen würde, das ihrer ganzen Geschmacksrichtung entgegen lag. Sie fürchtete sich vor den ewigen, großen, steifen Abfütterungen, auf denen man immer dieselben Gespräche hörte. Sie konnte sich aber nicht ausschließen, ohne Anstoß zu erregen. Außerdem wünschte es Rolf; er fühlte sich wohl in dem gesellschaftlichen Strudel, und sie gab nach.
Bisher hatte Beate Georg Scharfenberg nicht gesehen, und es war ihr auch recht so. Durch Adolf hörte sie manchmal von ihm, auch daß er letzthin Professor und selbständiger Leiter der Klinik von Professor Brause geworden war, der sich aus Gesundheitsrücksichten zurückgezogen hatte. — Für heute abend hatten Hagendorfs eine Einladung zu Hauptmann Bertholds. »Schon wieder,« seufzte Beate ein wenig, während sie vor dem großen Spiegel in ihrem Ankleideraum stand und letzte Hand an ihre Toilette legte.
Hellgrüne Seide mit duftigen Spitzeneinsätzen schmiegte sich in weichen Falten um ihre schöne Gestalt und hob die zarten Farben ihres Antlitzes aufs vorteilhafteste; bildschön sah sie aus, und sie konnte gar wohl mit ihrem Spiegelbild zufrieden sein.
Es klopfte an der Tür, und Rolf trat herein im Waffenrock mit blitzenden Epaulettes. »Bist du fertig, Schatz?« fragte er.
»Ja — nur die Handschuhe noch, gib sie mir bitte. Dort auf dem Toilettentisch liegen sie mit dem Fächer.«
»Weißt du, Bea, es ist eigentlich eine großartige Eigenschaft von dir, daß du stets fertig bist!«