Man war bei Hauptmann Bertholds angekommen. Plaudernd stand man im Salon umher, und mehr als einmal flogen die Blicke der Gastgeber nach der Tür; augenscheinlich wurde noch jemand erwartet. Sonst waren die Geladenen schon vollzählig versammelt. Es war nur ein kleiner aber auserwählter Kreis. Die intimen Abendessen bei Hauptmann Berthold waren berühmt, und man hielt es für einen großen Vorzug, von ihm dazu eingeladen zu werden.

Die Frau des Hauses stammte aus einer bekannten Künstlerfamilie und war schöngeistig veranlagt. So war es sehr begreiflich, daß sie gerade für die schöne und gelehrte Dr. Beate von Hagendorf eine große Vorliebe gefaßt hatte. Endlich meldete der Diener: »Herr Professor Scharfenberg —« und im selben Augenblicke trat der Gemeldete ein.

Einen Herzschlag lang stockte Beate der Atem; das hatte sie doch nicht erwartet! Er entschuldigte sich wegen der unbeabsichtigten Verspätung und begrüßte die Herrschaften.

Als ihn die Hausfrau Beate von Hagendorf vorstellen wollte, sagte die junge Frau verbindlich: »Ich kenne Herrn Professor schon, und sicher länger als Sie, gnädige Frau, — wir waren ja Nachbarskinder, nicht wahr, Herr Professor? oder erinnern Sie sich nicht mehr?« Und liebenswürdig reichte sie ihm die Hand, die er an seine Lippen führte.

Es war das Beste und Vernünftigste, ihre Stellung gleich von vornherein klarzulegen — nach mehr als sieben Jahren standen sie sich jetzt zum ersten Male gegenüber, und wer weiß, wie er über jene Episode seiner Jugendzeit noch dachte! »O doch, gnädige Frau! Die Erinnerung an die froh verlebte Kindheit mit ihren kleinen Freuden und Leiden ist noch stets eine Feierstunde für mich gewesen,« lautete seine Erwiderung.

»Ah, denken Sie auch so, Herr Professor?« meinte Frau Hauptmann Berthold, eine weniger schöne als interessante, sehr schlanke Erscheinung mit lebhaften klugen Augen in dem etwas streng geschnittenen Gesicht — »ich bin glücklich, Sie so sprechen zu hören! Wie wenige gibt es doch heutzutage, die das fühlen; für die meisten ist es unnützer Ballast! Dann kann ich überzeugt sein, daß Sie gern mit Frau von Hagendorf bei Tische weiter darüber plaudern! Frau Doktor ist ja Ihre Tischdame, ich war überzeugt, daß Ihnen unsere gelehrte Freundin am meisten von uns armen Sterblichen genügen wird.«

»Sie sind wirklich die Güte und Bescheidenheit selbst, meine liebe gnädige Frau —« er verneigte sich vor der Frau des Hauses und bot dann Beate den Arm, da soeben das Zeichen zum Beginn der Tafel gegeben wurde.

Mit eigenen Empfindungen ging er an ihrer Seite. Er hatte ja vorher gewußt, daß er sie heute abend hier treffen würde, und mit Herzklopfen diesem Augenblick entgegen gesehen. Denn er hatte Beate Haßler nie vergessen können — sie war der Traum seiner Jugend gewesen, und ihretwegen nur blieb er einsam!

Der Abschluß ihrer kurzen Tätigkeit als Ärztin, das so schnelle Aufgeben ihres vorher doch mit so großer Hartnäckigkeit erkämpften Berufes als Braut eines Offiziers hatte ihn befremdet und sein Herz mit schmerzlicher Bitterkeit erfüllt. So war sie auch nicht anders als die anderen, ein echtes Weib, das sich von einem hübschen Gesicht, einer glänzenden Außenseite blenden ließ!

Anscheinend war sie glücklich und vollbefriedigt in ihrer Ehe mit Rolf Hagendorf, den er als gutmütigen, aber sehr leichtsinnigen und leicht zu beeinflussenden Mann kannte, ganz wie Adolf Haßler, Beates Bruder, mit dem er jetzt nur selten noch zusammen kam. Sein Beruf führte ihn andere Wege, in andere Kreise, und so war es ganz von selbst gekommen, daß sich die Bande der Jugendfreundschaft gelockert hatten.