Die Unterhaltung bei Tische war sehr anregend und frei von allem Zwang. Beates anfängliche Befangenheit schwand ihr vollständig, da sie sah, welchen Gleichmut, welche Ruhe Georg Scharfenberg ihr zeigte. Sie beobachtete ihn. Er hatte sich recht verändert. Die Gestalt war breiter geworden, und der dunkle, zugespitzte, sorgfältig gepflegte Bart gab ihm ein fremdes Aussehen — er stand ihm gut, fand sie.
Seine sonst so warm und gütig blickenden Augen hatten einen kühlen, prüfenden Ausdruck, und in der Unterhaltung vermied er jede persönliche Note. Man hatte ja auch so viele andere Berührungspunkte; außerdem saß Frau Hauptmann Berthold ihnen gegenüber, die sich in ihrer lebhaften Art an dem Gespräch beteiligte. Beate mußte sich gestehen, daß sie sich seit langem nicht so gut unterhalten hatte; von früher her wußte sie ja noch, daß Georg ein geistvoller Plauderer war, wenn er aus sich herausging.
Rolf Hagendorf war von seiner Tischdame, Ilse von Malten, der jungen, lebhaften Frau eines Kameraden, sehr in Anspruch genommen; unaufhörlich lachte und plauderte sie mit ihm, und bereitwillig folgte er ihr. Doch trotzdem beobachtete er seine Frau, und mit Befriedigung stellte er bei sich fest, daß sie die Schönste in diesem Kreise war. Wenn seine Blicke sich mit den ihren trafen, hob er grüßend das Glas gegen sie, und freundlich lächelnd nickte sie ihm zu.
Professor Scharfenberg hatte das beobachtet und daraus den Schluß gezogen, daß sie glücklich sei. Warum auch nicht? War ihr Gatte doch der eleganteste, schneidigste Offizier des Regiments! Ihr stolzer, trotziger Charakter mußte sich aber vollständig geändert haben, denn damals hatte sie trotz des Bekenntnisses ihrer Liebe für den Jugendfreund doch ein herbes »nein« gehabt, als es sich um das Aufgeben ihres Planes, zu studieren, handelte. Doch weg mit diesen Erinnerungen, die nur trübe stimmen konnten.
Beate war die Frau eines anderen, und ihm war sein Lebensweg klar vorgezeichnet. Er hatte auf das Glück durch ein Weib verzichtet, seit sie sich von ihm losgesagt. Sein Beruf mußte ihm dafür alles geben; er fand volle Befriedigung darin, und sein Name wurde bereits rühmend genannt — alles konnte man eben nicht haben!
Die Tafel war zu Ende und im Salon wurde der Kaffee gereicht. In anregendem Gespräch wußte die Hausfrau Professor Scharfenberg an ihre Seite zu fesseln, ebenso auch Beate Hagendorf, die sie in ihr Herz geschlossen hatte. Sie fühlte eine starke Sympathie für die liebenswürdige kluge Frau und zeigte sie ihr auch ganz offen. Im Fluge verging die Zeit, und mit Bedauern, daß der genußreiche Abend so schnell seinen Abschluß gefunden, trennte man sich.
Auf dem Heimweg war Beate ziemlich schweigsam; in Gedanken durchlebte sie noch einmal die verflossenen Stunden, und wider ihren Willen trat Georg Scharfenberg in deren Vordergrund. Fortan würde sie ihm öfter begegnen; denn wie sie heute abend erfahren, war er ein guter Freund von Hauptmann Berthold. Ob das aber für ihren inneren Frieden gut war? Sie hatte sich nach vielen Kämpfen dazu hindurchgerungen und wollte ihn nicht gern wieder einbüßen — aber die Erinnerung an ihre erste Liebe war doch zu lebendig.
»Du bist so still, Beate«, unterbrach Rolf ihren Gedankengang, indem er seinen Arm unter den ihren schob. Fast wurde sie durch seine Anrede erschreckt.
»Ich bin müde, Rolf, und ein wenig abgespannt.«
»Wir sind ja gleich daheim! Hast du dich diesmal gut amüsiert?« Er betonte das Wort diesmal etwas auffällig und sah sie forschend an.