Sie lächelte bei diesen Worten und sah ihm schelmisch ins Gesicht. Er zupfte sie am Ohrläppchen. »Mutter, sieh nur diese eingebildete Person, dies Küken!«
»Siehst du, Vater,« fuhr Beate fort, »da ich aber Ärztin werden will, hat das doch keine Gefahr für dich! Ich lasse mich hier bei euch nieder; Ihr räumt mir das erste Stockwerk ein, und wenn euch etwas fehlt, habt ihr den Arzt gleich im Hause!« Sie bat und schmeichelte; auf alle seine Einwendungen hatte sie die schlagendsten Erwiderungen — er mußte schließlich seiner Tochter, auf deren Klugheit er nicht wenig stolz war, nachgeben. Ihre Art, zu bitten, war unwiderstehlich; außerdem war sie sein Abgott; sie konnte viel bei ihm erreichen!
»Alles, Kind, was du da vorbringst, ist ja recht schön und gut, und wenn einmal dein Herz so daranhängt, will ich dir durchaus nicht mehr entgegen sein! Aber, kurz herausgesagt, du bist mir zu schade, Mädel, daß du deine schönsten Jahre so in der Arbeit verbringen willst. Andere tanzen und amüsieren sich in deinem Alter, und du —«
»Ja, daran habe ich eben keine Freude — de gustibus non est disputandum — lasse mich nach meiner Fasson selig werden! Glaube aber darum nicht, daß ich etwa ein Blaustrumpf oder ein verdrehtes Frauenzimmer werde; nein, ich will dennoch meine Jugend genießen.«
Da mischte sich zum erstenmal Frau Haßler ins Gespräch. »Warum nur so viel Aufregungen? Ich denke, daß du über kurz oder lang doch heiraten wirst!«
»Heiraten, ich, Mutter? Ich denk nicht daran; wenigstens vorläufig noch nicht. Dahin komme ich noch früh genug, wenn es einmal sein muß. Jetzt will ich noch lernen.«
»Aber dein ganzes Streben und Arbeiten wird dich niemals so beglücken können wie das Bewußtsein, einem geliebten Mann anzugehören! Ich habe bisher geschwiegen, um alles zu hören, was du dir in deinem Köpfchen zurechtgelegt hast. Aber auf das eine, woran Vater noch nicht gedacht hat, möchte ich dich noch aufmerksam machen: Du beraubst dich selbst der reinsten, heiligsten Freuden, die dir durch nichts ersetzt werden können, wenn du auf deinem abenteuerlichen Vorsatz beharrst.«
»Weißt du denn das so genau, du Liebe, Gute? Ich will gar nicht endgültig darauf verzichten, in einer Ehe glücklich zu werden. Wenn mir jemand begegnet, dem ich gut sein kann und der mich heiraten möchte, dann können wir immer noch darüber reden; und wer weiß, ob ich nicht gar schon an jemand denke? Jetzt aber will ich vor allem selbständig sein und mir einen Beruf schaffen, daß ich allen Möglichkeiten gegenüber gewappnet bin. Wenn ich nun alte Jungfer werde? Das ist doch auch nicht ausgeschlossen! Das Leben ist so ernst, die Zeiten sind so schwer, daß man nicht so in den Tag hineinleben kann. Und was unser guter Monsieur Adolf kostet, wissen wir zu genau.«
»Na und ob!« Ein hörbarer Seufzer begleitete diese Worte des Rechtsanwalts. »Der Junge treibt’s auch manchmal zu toll! Aber deshalb, mein Töchterchen, ist doch für dich gesorgt, und auch ganz anständig. Nun möchte ich endlich meinen Kaffee haben; von dem vielen Reden ist mir ordentlich der Mund trocken geworden. Und meine Pfeife gibst du mir wohl mal ’rüber! Was man an seinen Kindern für Überraschungen erleben muß!«
Flink und gewandt hatte ihm Beate die »Friedenspfeife«, wie sie scherzend bemerkte, gestopft und angebrannt, aus der er jetzt die ersten Züge tat, und es war, als kam da eine gewisse Behaglichkeit über ihn.