Wie raffiniert sie wieder angezogen war, eine schwarze, tief ausgeschnittene Chiffontoilette, die einen wirkungsvollen Gegensatz zu der leuchtenden Haarfarbe und dem blendenden Nacken bildete — berückend sah sie aus! In ihrer temperamentvollen Art hatte sie einen Kreis von Herren um sich geschart, von denen sie sich auf Tod und Leben den Hof machen ließ, und als man bei Tische saß, klang mehr als einmal ihr lautes, vergnügtes Lachen durch den festlichen Raum. Sie trug überhaupt ein sehr siegesbewußtes, übermütiges Wesen zur Schau.
Zu Rolfs Verwunderung war ihr Tischherr der lange Philipp Plessow, mit dem sie sehr vertraut tat; beide sahen sich tief in die Augen, wenn sie miteinander anstießen, und lächelten sich in auffallender Weise an.
Martina Berthold hatte für Leutnant Hagendorf den Platz so gewählt, daß er Viola Düsing gar nicht oder nur sehr schlecht sehen konnte, womit sie ihm eine Qual auferlegt hatte. Er vernachlässigte seine Tischdame fast bis zur Unhöflichkeit, was aber Professor Scharfenberg, der zu ihrer Rechten saß, in etwas gut zu machen suchte — um Beates willen! Denn er sah ihr an, daß sie sich mit etwas quälte; ihm entging so leicht keine Veränderung in dem geliebten Antlitz. Heimlich bewunderte er sie. Sie sah so anmutig, fast mädchenhaft in dem weißen Kleid aus, und im stillen verglich er ihre keusche Schönheit mit der so aufdringlich wirkenden der andern.
Beate beobachtete den Gatten, der ihr schräg gegenüber saß; sie sah, wie ihn die innerliche Ungeduld fast verzehrte, sah, wie er vergebens einen Blick mit Viola auszutauschen versuchte und bemerkte auch das erleichterte Aufatmen Rolfs, als endlich die Tafel aufgehoben wurde. Während er Viola »Mahlzeit« wünschte, sah er ihr bei seinem feurigen Handkuß in die Augen.
»Mein gnädiges Fräulein, ich beklage mich sehr über die Grausamkeit, daß Ihr entzückender Anblick mir bis jetzt entzogen wurde.«
»Warum beklagen Sie sich da bei mir? Ich kann nichts dafür — das lag doch an der Tischordnung,« entgegnete sie etwas schnippisch. Er wollte darauf erwidern; aber in diesem Augenblick trat der lange Plessow zu ihnen. Mit verliebtem Blick sah der auf Viola und schob seinen Arm unter den ihrigen. »Will meine holde Tischdame mir etwa untreu werden? Das gibts nicht!«
Rolf war wütend. Was fiel dem Kerl ein — diese Dreistigkeit gegen Viola! Er hatte wohl gar schon zu viel getrunken? Unmutig schlenderte er umher. Dabei sah er, wie der Kommandeur lange mit Beate sprach und wie dessen wetterharte scharfe Gesichtszüge sich zu einem wohlwollenden Lächeln verzogen.
Nachher sagte der zu ihm, ihn wohlwollend auf die Schulter klopfend: »Wissen Sie, Hagendorf, um Ihre gelehrte Frau sind Sie wirklich zu beneiden — Sie sind ein wahrer Glückspilz! Kann’s sonst nicht leiden, wenn die Weiber gar so gescheit sind — ’s ist nicht mein Fall — sind sie aber nebenbei so hübsch und interessant wie Ihre kleine liebe Frau, dann drückt man gerne beide Augen zu bei so vieler Gelehrsamkeit.«
Rolf klappte die Hacken zusammen und verneigte sich, einige dankende Worte murmelnd.
Da sah er Viola Düsing in der Tür stehen. Sie blickte gerade zu ihm hin — er vermeinte, darin eine direkte Aufforderung zu lesen, ihr zu folgen. Man hatte sich in den eleganten, künstlerisch ausgestatteten, lichtdurchfluteten Räumen zerstreut. Die Damen saßen plaudernd im Salon, die Herren bei dem jetzt gereichten Bier im Rauch- und Spielzimmer, und so konnte Hagendorf dem jungen Mädchen folgen, ohne daß es auffiel. Ihr Tischherr, Plessow, war jetzt vom Kommandeur in Beschlag genommen, der anscheinend sehr gute Laune hatte — gemütlich unterhielt er sich mit dem langen Oberleutnant und lachte wiederholt. Für eine Weile war also Viola von der lästigen Gegenwart ihres Tischherrn befreit, und diese Spanne Zeit wollte Rolf nützen.