Er fand das junge Mädchen im Wohnzimmer der Hausfrau. Viola stand an dem Tisch, auf dem die Geburtstagsgeschenke Martinas aufgebaut waren, und hielt eine Photographie in ihren Händen. Sie hörte ihn eintreten. Bei dem Geräusch wandte sie sich um. — »Ah, Sie, Herr von Hagendorf, mein Gott, wie haben Sie mich erschreckt.«
Sie waren allein. Das Zimmer war nur schwach erhellt und durchflutet von süßem Blumenduft. Es lag im ersten Stockwerk und gehörte nicht mit zu den Gesellschaftsräumen, die sich im Erdgeschoß befanden. Er trat auf sie zu, und sie empfand einen prickelnden Reiz, mit ihm hier zusammen zu sein.
»Wie haben Sie sich hierher verirrt?«
»Ich wollte Sie sprechen, Viola.«
»Das können Sie doch unten ebenso gut! Ich wollte mir Frau Bertholds Geburtstagstisch ansehen und entdeckte darauf — raten Sie — das Bild Ihres Jungen, ich finde es wunderhübsch! Ihre Frau »Doktor« ist ebenfalls gut getroffen — und Karl Friedrich ist einzig, wie sind Sie aber nur auf den feierlichen Namen gekommen? — Rolf wäre doch viel hübscher gewesen! Ich bin dem Kinde wirklich gut,« plauderte sie unbefangen mit ihm.
Da faßte er ihre Hand mit seinen heißen, bebenden Fingern. »Viola, viel glücklicher würde es mich machen, wenn Sie seinem Vater auch gut wären — ein klein wenig.«
Sie bog den blonden Kopf zurück und sah ihn mit einem seltsamen Blick aus den halbgeschlossenen Augen an.
»Was hätte das wohl für Zweck, Herr von Hagendorf?«
»Fragen Sie doch nicht, Viola, ich denke nicht, ich weiß nur, daß ich Sie liebe, Sie anbete«, flüsterte er leidenschaftlich. »Sie haben mich ganz toll gemacht.«
Sie lächelte — jetzt hatte sie das Bekenntnis seiner Liebe, nach dem sie verlangt — sie hatte den elegantesten Offizier des ganzen Regiments zu ihren Füßen gezwungen, und ein triumphierendes Gefühl erfüllte sie. Wenn seine hochmütige Frau das ahnte! Sie würde nicht mehr so herablassend auf das junge Mädchen blicken, das keine große Gelehrsamkeit, aber was mehr ist, Schönheit aufweisen konnte!