»Sie wissen doch genau, Herr Doktor, daß das nicht mehr der Fall sein wird.«
Ihre Stimme klang seltsam heiser und tonlos.
Er konnte nichts darauf erwidern, sondern drückte ihr nur stumm die Hand. Sie wich nicht von dem Lager des todwunden Mannes. Lange, bange Stunden vergingen. Sie sah die Veränderung in seinem Gesicht, wie die Schatten des Todes darüber fielen. Da öffnete er die Augen, und sie las darin wiederkehrendes Bewußtsein.
»Ich bin bei dir, Rolf. Kennst du mich, — deine Bea?« flüsterte sie mit weicher Stimme, die schon so vielen Kranken Beruhigung gebracht hatte.
Seine Lippen suchten einige Worte zu formen, sie neigte sich über ihn und hauchte einen Kuß auf seine Stirn. »Mein lieber Mann!« Wie der Schein eines Lächelns flog es über sein Gesicht; dankbar und groß blickte er sie noch einmal an, dann fielen die Lider wieder schwer über seine Augen.
Eine Stunde noch — und dann war alles vorbei. Weinend lag Beate an der Brust des Bruders, der im Nebenzimmer still gewartet.
Die Spannung der letzten Stunden legte sich jetzt in einem heftigen Weinkrampf, ihre Nerven versagten. Adolf ließ sie sich ausweinen, damit sie Erleichterung bekam. Mit sanften Worten suchte er die ihm so teure Schwester zu trösten. Er selbst stand tief erschüttert an dem Sterbelager seines liebsten Freundes und Schwagers, dessen junges Leben einem tückischen Verhängnis zum Opfer gefallen war — und der Laune eines koketten Weibes.
Beate hatte den Abschiedsbrief des Gatten gelesen, in dem er sie um Verzeihung für alles Ungemach gebeten und ihr zugleich für das gedankt, was sie ihm gewesen; jetzt, vielleicht an der Schwelle des Todes stehend, erkenne er alles und sehe, wie er in törichter Verblendung gefehlt. In rührenden Worten hatte er geschrieben, und sie war tief ergriffen davon. Sie kniete an seinem Bette, und ihr blonder Kopf lag auf seinen erkalteten Händen.
Was in ihr vorging, war unbeschreiblich. Sie wußte jetzt den Zusammenhang, aber vergab ihm alles, ohne Bitterkeit im Herzen. Mit seinem Tod hatte er gesühnt. Sie hätte wer weiß was gegeben, wäre es ihr gelungen, ihn dem Leben zu erhalten, das er so sehr geliebt. Nun hatte er die sonnigen Augen für immer geschlossen, und er hatte sie so früh zur Witwe gemacht, und ihr blieb nichts als ihr Sohn.