Mehr als zwei Jahre waren vergangen. Beate von Hagendorf hatte in dieser Zeit ganz zurückgezogen gelebt und sich nur ihrem Kinde gewidmet, an dem sie mit abgöttischer Liebe hing. Der kleine Karl Friedrich war ein bildhübscher Junge geworden; er sah seinem Vater sehr ähnlich. Martina Berthold verzog ihn auf die erdenklichste Weise, so daß Beate manchmal schelten mußte. Der Verkehr der beiden Frauen miteinander hatte noch an Innigkeit zugenommen, und selten verging ein Tag, an dem sie sich nicht sahen.
Viola Düsing war seit einem Jahr verheiratet. Plessow sowohl als auch Malten waren aber versetzt, nachdem ersterer seine Festungshaft abgebüßt hatte. Die beiden Damen waren wenig im Regiment beliebt; dazu kam noch der unglückselige Zwischenfall mit Hagendorf, dessen tragisches Geschick die allgemeinste, wärmste Teilnahme hervorgerufen — genug, es war ihnen selbst ungemütlich geworden, so daß sie um Versetzung eingekommen waren.
Martina suchte die junge Witwe langsam dem Leben zurückzugewinnen. Beate hatte den Gatten tief und innig betrauert; aber diese Trauer war jetzt einer stillen Wehmut gewichen; und sie kam den Bestrebungen der Freundin entgegen. Sie lehnte deren Einladung nicht mehr ab, wenn sie wußte, daß Gäste bei Bertholds waren. Ihr lebhafter Geist brauchte Anregung, die sie in jenem auserwählten Kreise in reichstem Maße fand. Sie gehörte jetzt mit zum Vorstand des Frauenvereins und hatte reichlich Gelegenheit, ihre werktätige Menschenliebe auszuüben. Allmählich war es gekommen, daß sie regelmäßig den Jugendfreund bei Bertholds traf, wenn sie die Mittwoch- und Sonntagabende dort zubrachte. Sie hatte sich daran gewöhnt und war ihm nicht mehr wie im Anfang scheu ausgewichen. Offen gestand sie sich sogar ein, daß sie sich freute. Er war von einer zarten Rücksichtnahme gegen sie, die sie tief rührte, und ihr Gefühl sagte ihr ganz richtig, daß er sie noch mit derselben Zuneigung wie früher liebte — er war eben beständig und treu!
Längst wußte ja Martina von Georg um seine früheren Beziehungen zu Beate, die aber, sonst nicht verschlossen, sich über diesen Punkt nie zur Freundin geäußert. Und Martina erwähnte auch nicht, daß sie etwas wußte; sie tat vollkommen arglos, um der Freundin nicht die Unbefangenheit zu rauben; sie wollte die zarten Fäden, die sich da unter ihren Augen anspannen, nicht zerstören. Kommt Zeit, kommt Rat, dachte die kluge Frau.
Es war Mittwoch abend — der Abend, an dem Beate und Georg Scharfenberg stets Gäste bei Bertholds waren. Der Professor war etwas enttäuscht, und man sah ihm das auch an, daß er Beate heute nicht traf. »Ja, lieber Freund,« sagte Martina lächelnd, die seinen suchenden Blick aufgefangen hatte, »ja, Sie müssen heute abend mit unserer Gesellschaft fürlieb nehmen; Frau Beate hat abgesagt.«
»Aber warum?« —
»Der Junge ist nicht wohl, und Sie wissen, sie ist sehr ängstlich. Er habe etwas Fieber, ließ sie sagen. Ich will morgen früh gleich nach ihm sehen.«
»Hoffentlich ist’s nichts Ernstliches. Frau von Hagendorf versteht ja als Dr. med. die Sache zu beurteilen,« lächelte er.
Nachdem man gegessen, begab man sich in das Wohnzimmer der Hausfrau, wie es sonst auch immer der Fall war. Es war aber, als fehle den dreien etwas, und schließlich sprach der Hauptmann das auch aus. »Weiß Gott, wie man sich an einen Menschen gewöhnen kann; ich vermisse wirklich Frau Beate, wir vier gehören einmal zusammen,« und seine Gattin stimmte ihm zu.
Der Professor saß stumm da und blickte gedankenvoll in die Glut des Kaminfeuers. Langsam strich er den sorgfältig gepflegten Bart, und unwillkürlich seufzte er ein wenig auf. »O, lieber Freund, das kam aber weit her — und ich wette, daß ich auch weiß, wohin es ging,« scherzte Berthold.