Ach, es war ja eigentlich kein Geheimnis, nur eine Kinderei – gab es etwas Harmloseres, als daß Arno ihr versprochen hatte, zum Zeichen, daß er an sie denke, ein Tagebuch im Namen des rosenfarbenen Püppchens, das Sibylle ihm geschenkt, zu schreiben? Es war dies eine ritterliche Pönitenz, die er sich selbst auferlegt, weil er Sibylle mit seiner Weigerung, Puppenkönig zu werden, so weh getan. Nachher hatte ihm die Sache Spaß gemacht, und der begabte, phantasievolle Knabe fand ein ganz ungewöhnliches Vergnügen daran, sich in die Seele einer englischen holdseligen Lady hineinzudenken und aus dieser heraus die Welt zu sehen und das Leben zu beschreiben. Den ersten Teil dieses literarischen Machwerkes kannte Sibylle bereits und hatte ihn begutachten müssen. Sollte sie das jetzt preisgeben? Nein, es war unmöglich.

»Es … es ist nichts Unrechtes –« stotterte sie endlich mühsam.

»Das setze ich auch nicht voraus,« erwiderte die Gräfin gehalten, »aber gerade deshalb …«

Sibylle trat einen Schritt vor, auf die Mutter zu und hob die Arme. »Bitte … bitte, nicht fragen, Mama …«

Die Gräfin wurde einen Moment irre an ihrem Kinde. Nicht ohne Härte sagte sie kühl: »Gut, ich will nicht mehr fragen, aber du selbst, Sibylle, vergiß das nicht, hast eine Schranke zwischen uns aufgerichtet.«

Sie bereute sofort das gesprochene Wort. Sibylle sah sie starr an und schwankte ein wenig, dann fiel sie still und schwer zu Boden. – –

Ein wunderliches Innenleben, ein Traumleben, fern, still und abseits von allem Hergebrachten, hielt Sibylle in seinem zwingenden Bann.

Sie wuchs, erblühte und wurde fast schön. Sie sah die Dinge um sich her und sah sie doch wieder nicht. Es war, als hätte sie kein Organ für die täglichen kleinen Geschehnisse ringsum; für den Wandel der Natur jedoch, für den großen allgemeinen Zug allen Werdens und Wirkens, Blühens und Vergehens hatte sie weit offene Sinne.

Sie liebte die Dämmerstunden der heißen Juli- und Augusttage, wenn die Bäume zu horchen schienen und die Springbrunnen lauter murmelten; sie liebte die klaren Herbstnächte mit ihrem zärtlichen Sternenglanz, liebte die frühen Maimorgen, wenn die Obstbäume, noch betaut von der Nacht, ihre weißen Blütenreigen spannten; vor allem aber liebte sie den Winter, zu allen Stunden des Tages und der Nacht.