Ihr Verhältnis zu Herrn Tobias Brandt war unpersönlich geblieben wie am ersten Tage. Pflichtgemäß lernte sie, was sie zu lernen hatte, nur fühlte sie jetzt manchmal einen sonderbar aufdringlichen Blick aus seinen runden blauen Augen, den sie instinktmäßig von ihrem Antlitz wegzuwischen versucht war.
Der Sommer brütete heiß über dem Park. Die Blumen schlossen müde ihre Kelche, der weidenumsäumte Parkteich schillerte wie aus Stahl gegossen, und der Hauslehrer ging schwitzend und rot die Kastanienallee auf und nieder, ein Buch in der Hand.
Sibylle sah ihn von weitem und schlüpfte an den Obstbäumen vorbei, zwischen den Beerenhecken an ihr Lieblingsplätzchen, den Teich. Hier, im Schutz der alten Bäume und des dichten Gestrüpps, pflegte sie manchmal in der Dämmerung unbemerkt zu baden.
Sie zog ein Buch aus der Tasche, setzte sich auf einen alten, weit über den Teich hineinragenden Stamm einer Weide, entkleidete ihre Füße und ließ sie in die kühle Frische hineinhängen. In einem halbwachen Zustande von Traum und Leben schaute sie auf die glatte, silberne Fläche. Schwärme von Mücken tanzten im Abendsonnenschein, hin und wieder hüpfte ein Fischlein aufwärts und zog schnell sich weitende Wasserringe. Schweigsam und reglos, sommermüde und träumend, standen die Bäume. Ihr war sehnsüchtig und fragend zumute. Mit scheuer Schwere war zum erstenmal bange die Frage in ihr aufgetaucht, wer das Ich sei, das sie als das ihre empfand – warum war sie gerade – sie selbst? Woher kam sie? Wohin trieb sie? Warum mußte sie sein wie sie war? Gehörte sie außer sich selbst, außer ihren Eltern, einem unbekannten Reiche an, wie die Bäume und Pflanzen der Natur? Glich sie der silberstämmigen Birke oder gar der ernsten dunklen Tanne? Konnte sie für ihre Wesensart?
Die Fragen jagten einander in wunderlicher Hast. Sie wurde sich des erwachten Zustandes ihrer Seele fast schmerzhaft bewußt.
Langsam begann sie ihr Blondhaar aufzulösen. Wie ein lichter Mantel hing es weit über die Hüften nieder und verhüllte das weiße Sommerkleid. Ein Durst nach Kühlung dehnte ihr die Glieder. Die Schatten der Bäume waren länger geworden und senkten sich weit über das ruhende Wasser. Sie widerstand nicht länger, rasch schlüpfte sie aus ihren Kleidern und ließ sich in das Wasser hineingleiten.
Sibylle stand vorgeneigt und horchend im Wasser, mit einem scheuen Ausdruck in dem schmalen Gesicht – hatte es nicht soeben im Gebüsch geknackt?
Das Wasser stieg ihr bis über die Knie, sie faßte ihr Haar wie einstmals als Kind mit den Fingerspitzen und ging, sich leise wiegend, weiter hinein. Sie mußte an ihre Puppen denken, die seit Jahren in enge Kisten verpackt, einen totenähnlichen Schlaf schliefen. »Die Armen,« sagte sie mitleidig vor sich hin, »das Puppenreich ist zu Ende – kommt jetzt ein anderes Reich …? Ja es kommt,« flüsterte sie freudig, »ich fühl's –« Um ihre Lippen war ein Lächeln von einer scheuen, verirrten Seligkeit.
Wieder knackte es im Gebüsch, und sie schrak zusammen. »Ist jemand da?« fragte sie halblaut.
Stille, Schweigen. Jetzt fiel ihr ein, daß sie schon manchmal beim Baden gemeint hatte, jemand könnte da sein und sie belauschen.