»Wie dumm!« murmelte sie vor sich hin – und nun kam ein Hochgefühl, etwas wie ein Wonnerausch über sie – sie bückte sich tief, teilte das Wasser mit ihren schlanken Armen, ließ ihre jungen, schüchternen Glieder von dem schmeichelnden Gewässer umkosen, glitt behutsam weiter, hob die Arme dem verglühenden Abendhimmel entgegen und begann leise zu summen: »Es kommt – es kommt … das neue Königreich kommt …« Ihr war töricht leicht ums Herz geworden – vorbei alle düsteren, sehnsüchtigen Fragen.
Unbefangen und froh wie ein Kind spielte sie dahin – irgendeine Macht weihte sie, sich eins zu fühlen mit der träumenden Stille, die sie umgab, eins mit Luft und Wasser, Laub und Sonne.
Endlich hatte sie genug und warf langsam und müde ihre Kleider wieder über.
Sie flocht sich das Haar, steckte es ruhig auf, saß noch ein Weilchen träumend und ließ die Füße im Wasser plätschern. Ohne Eile zog sie Strümpfe und Schuhe an, nahm ihr Buch und schritt durch die dämmernden Schatten der Bäume wieder dem Hause zu, die Augen zu Boden gesenkt.
Da blieb sie plötzlich stehen – verwundert, betroffen – auf dem Boden, etwa zehn Schritte vom Ufer, lag ein kleines rotes Notizbuch. Sie kannte es wohl, es gehörte Herrn Brandt. Wie war es dahin gekommen? Vorhin war es nicht dagewesen …
Ah! Nun wußte sie. Ihr Herz tat einen ungeheuren Schlag – alles Blut strömte ihr ins Antlitz – so hatte er sie belauscht … pfui!
Ein Ausdruck unsäglichen Ekels spannte ihre Züge; sie hob das Büchlein auf, weit ab von sich mit gespreizten Fingern hielt sie es … endlich pflückte sie ein großes Klettenblatt und wickelte es hinein.
Sibylle sah an diesem Tage Herrn Brandt nicht wieder.
Am nächsten Morgen um neun wartete sie wie gewöhnlich im Schulzimmer auf ihren Lehrer. Sie sah eigentümlich blaß aus; ein Zug von einsamer Entschlossenheit lag um ihren Mund. Die überwachten Augen waren von dunklen Rändern umsäumt.
Herr Brandt trat geschäftig herein, begrüßte sie und setzte sich an den Tisch.