Ganz still legte sie ein grünes Etwas auf den Tisch. Aus einem welken Klettenblatt sah sein rotes Notizbüchlein schämig hervor.
»Sie wissen schon warum …« murmelte Sibylle tonlos. Dann stand sie auf und glitt aus dem Zimmer.
An demselben Tage hatte Herr Brandt einen dringenden Brief von daheim erhalten, nahm unverzüglich seinen Abschied und verließ das gräfliche Haus. – –
Wieder war es Winter. Der Himmel hing wie eine riesige weiße Glocke über der silbernen Winterwelt. Die Bäume träumten schneebedeckt vor sich hin.
Unter der Kastanienallee hervor traten zwei Mädchengestalten ins Freie.
»Ja, Sibylle, Arno macht sich, er ist in maßgebenden Kreisen ungeheuer beliebt, die Uniform steht ihm großartig.«
»Und du, Elisabeth – wirst du wirklich Diakonissin? Dein Vater wird dich doch furchtbar entbehren.«
Elisabeth streckte ihre herbe Gestalt im Trauerkleide und ließ ihre kühlen blauen Augen auf Sibylle ruhen.
»Ja, weißt du – zum Dahinträumen haben wir keine Zeit. Seit unsere gute Mama starb, geht jedes von uns seinen Pflichten nach. Werte müssen wir schaffen, Nutzen bringen. Der Diakonissenberuf ist ja nicht leicht, Demut vor allem müssen wir lernen, dann aber –« sie atmete tief auf, »haben wir auch einen herrlichen Lohn – Einfluß auf die Kranken und Leidenden und ihr Vertrauen. Wir ersetzen ihnen ja auch ihre Familien und alle, die ihnen nahestehen – nicht?«
Sibylle schauerte in sich hinein. Weshalb hörte sie unter Elisabeths Worten, die so gut und vernünftig klangen, einen Unterton von Herrschsucht heraus?