»Die armen Menschen,« murmelte sie, »leiden müssen und dann noch von denen getrennt, die sie lieben.«

»Ja, meinst du denn, daß wir unsere Kranken nicht lieben? Freilich, die egoistische, persönliche Liebe, die auf Gegenliebe rechnet, fällt bei uns weg. Wir müssen einen Trunkenbold, ein unappetitliches altes Weib ebenso umsorgen, wie das liebenswürdigste junge Mädel oder ein sympathisches Kind aus gutem Hause. Auch kommen wir kaum zur persönlichen Anhänglichkeit, das Material wechselt ja beständig – was hast du, Sibylle?«

Das Wort Material hatte Sibylle einen Ruck gegeben. Jäh stand sie still, über und über mit Rot übergossen. Ach, sie fühlte es, mit der nüchternen, braven Verständigkeit Elisabeths konnte sie sich nimmer befreunden.

So schleppten sich ihr die Wochen von Elisabeths Besuch mühselig dahin. Wenn die Nachbarn nicht genug Worte des Lobes für Elisabeth und ihre entsagungsvolle Tätigkeit finden konnten, so hörte Sibylle fast teilnahmlos zu, denn die Wahrhaftigkeit und Zartheit ihrer Wesensart, die durch Elisabeths Auffassung schmerzlich berührt worden war, ließ sich weder irre machen noch beeinflussen.

Um die Frühjahrszeit erkrankte Sibyllens Vater unvermutet an einer Lungenentzündung. Und nun war es, als habe die schlummernde Kraft in Sibylle nur auf ein Ereignis dieser Art gewartet, um sich zu bewähren. Sie begann den Vater mit einer Umsicht, Geduld und Treue zu pflegen, die sie ihm unentbehrlich machte. Sie wurde der Trost und die Stütze ihrer Mutter. Ihr Vertrauen zu seiner Genesung gab der Gräfin den verlorenen Mut wieder; ihre Ruhe und Anmut, die ein Ausströmen ihrer inneren Harmonie war, wirkte Außerordentliches, während sie sich nur bewußt war, einfach ihre Pflicht zu tun.

In der Tiefe ihrer Seele lebte ein stiller Glaube, den ihr nicht der Unterricht Herrn Brandts und nicht Bücher, nicht Angeerbtes und nicht Erworbenes gegeben hatten, sondern der von Anfang an in ihr war – ein Geschenk der Gnade, das ihre Kräfte immer wieder am rechten Ort und an rechter Stelle wach und tätig sein ließ. Sie wußte: die Welt war voller Schönheit und Gott war gut. Es verstand sich von selbst für sie, daß sie streben müsse, gut zu werden, und alle Forderungen der Sittlichkeit faßte sie, wie schon unbewußt als kleines Kind, in zwei einfache Begriffe zusammen: Gerechtigkeit und Demut. In ihrem Verhalten zu den Menschen, deren es manche gab, die sie nicht lieben konnte, glaubte sie Gerechtigkeit üben zu müssen, und aus dem Gefühl der Schönheit der Dinge und dem Bewußtsein der Größe ihres Schöpfers entsprang ihr ganz naturgemäß jene kindliche Stimmung vertrauender Ehrfurcht, die sich als Demut zu äußern pflegt.

Das unbestimmte Gefühl ihres inneren Reichtums erfüllte sie mit einer zuversichtlichen Ahnung kommenden Glücks. Vorbei war ihr Kindertraum vom Puppenreich – ein anderes, schöneres Reich schwebte wie eine duftige Verheißung in der Ferne. Durfte ihr denn unter diesen Vorgefühlen etwas so Schmerzliches widerfahren wie der Tod ihres Vaters? Nein, sie wußte, ihr Vater würde und mußte genesen.

Und er genas.

Der Arzt war heute dagewesen und hatte Sibylle und ihre Mutter beglückwünscht, und die Gräfin hatte Sibylle, die in der letzten Zeit wenig in die frische Luft gekommen war, ins Freie geschickt.