Dämmerung lag auf dem Frühlingsgelände. Wieder standen die Kirschbäume in Blüte und reihten sich duftig Baum an Baum. Im grünlichen Himmel hing ein mattgoldener Mond. Sibylle zog die reine Luft ein, wandelte unter den Bäumen, wiegte sich erleichtert in den Hüften und dachte.
Ja so – heute war ein Brief von Elisabeth gekommen, Arno habe sich verlobt, schrieb sie.
Sibylle hatte im Laufe des Tages nur flüchtig daran gedacht, da sie um den Vater beschäftigt gewesen war, nun aber stand die Tatsache plötzlich klar und sonderbar vor ihr, so als gewahre sie nach einem langen Gang durch einen Tunnel plötzlich einen rotfarbenen Himmel, den sie zuvor anders gesehen. Sie empfand etwas wie einen Schrecken und schüttelte mehrmals leise den Kopf.
Nicht Wehmut, nicht Schmerz fühlte sie, nur eine Art Leere. Wie war das nur gekommen? Und mußte es so sein? Elisabeth schrieb über Arnos Wahl sehr befriedigt. »Ella ist sehr tüchtig,« schrieb sie, »liebenswürdig und talentvoll. Die Beverns machen ein großes Haus, und in pekuniärer Hinsicht ist Arno völlig gesichert.«
Wie seltsam das alles war – gerade wie bei einem Pferdekauf! dachte Sibylle verwundert.
Sie zog den blütenbedeckten Zweig eines Kirschbaums zu sich nieder und versenkte ihr Gesicht in die kühlen Blüten.
Ist nicht überall Zufall? Wäre Arno in Paris gewesen statt in Berlin, er hätte sich wahrscheinlich mit einer Französin verlobt – und wäre er hier in Wangen, dann – wer weiß …?
Sie lächelte träumerisch und schüttelte wieder den Kopf.
Unser Pastor sagt, es gebe keinen Zufall, alles sei Gottes Wille, spann sie weiter. Wer kann das entscheiden? Nehmen wir nicht die Dinge, die für uns viel bedeuten, zu schwer, und andere wieder zu leicht? Wenn ich Arno auf der Straße begegnet wäre, während ich an ihn gedacht hätte, so wäre das nichts, ein Zufall; da er sich nun aber verlobt hat, wo ich in dieser Woche so oft in Gedanken bei ihm war, kommt mir das ungeheuer wichtig vor – warum? So mag er sich doch verloben – was ist denn weiter dabei?
Sie lachte leise, bog wieder einige Zweige zu sich nieder und ließ sie spielerisch zurückschnellen – die Blütenblätter regneten sanft über sie hin.