Da legte sie die Hände ineinander und sah mit sehnsuchtsschweren Augen ins Weite. »Ich wollte, es wäre wieder Winter,« flüsterte sie, »und ich wäre alt, steinalt wie die weiße Trude im Armenhause. Die freut sich wie ein Kind auf ihre Abendsuppe und über jeden Groschen. Und ich? Ich kann mich nicht einmal freuen, wenn Arno sich verlobt. Ja, ich bin recht schlecht.«

Und auf einmal begann sie zu weinen, hilflos wie ein Kind. Weinte sie über ihre eigene Schlechtigkeit oder über Arnos Verlobung …? – –

Der Doktor hatte Sibyllens Vater eine Nachkur in einem Sanatorium verordnet, und da der Graf sich von Frau und Kind nicht trennen mochte, reiste man gemeinsam in eine süddeutsche Heilstätte.

Hier sah Sibylle zum erstenmal Berge. Die Pracht der schneebedeckten fernen Gebirgszüge stand vor ihr auf – ein schimmerndes Wunder – und füllte sie mit Ehrfurcht und Begeisterung. Wenn nun noch die sinkende Sonne Kuppen und Grate in Röte und Glanz tauchte, staunte sie wie verzaubert und wagte kaum zu atmen. Sie bedurfte keiner Beziehungen zu neuen Menschen, um ein gesteigertes Lebensgefühl zu empfinden, ihre Welt war von jeher die Natur gewesen und das Reich, das ihre Phantasie sich selber schuf und bevölkerte.

Aber wie sich auch Sibylle von den Gesunden und Kranken zurückhalten mochte, sie konnte es nicht hindern, daß ihr bewundernde Blicke folgten und daß dieser oder jener Sanatoriumsgast merklichen Anteil an ihr zu nehmen begann. Einmal in die eigentümliche Luft eines Genesungsheims mit seinen vielen verschiedengearteten Insassen versetzt, mußte sie sich der Lebensweise der Gesündesten unter ihnen anpassen, und das gab natürlich Gelegenheit zu Berührungen.

Da waren vor allen zwei junge Leute, die ihr bei jeder Gelegenheit in den Weg zu kommen versuchten.

Der eine war Polytechniker, ein braver, blonder Bursch, dessen blaue Augen sich vor Innigkeit mit einem schüchternen Glanze füllten, wenn er Sibylle erblickte. Sie brachte die rätselhaften Spenden von Alpenveilchen und anderer Gebirgsflora, die sie morgens auf dem Flur in ihren gesäuberten Stiefeletten zu entdecken pflegte, mit ihm in Zusammenhang, denn er galt als tüchtiger Bergsteiger.

Der andere war Balte, ein langhaariger, düsterer Jüngling; er fristete in München ein ärmliches Bohêmedasein und hatte es der Gunst eines reichen Freundes zu verdanken, daß er seine angegriffenen Lungen im Sanatorium zurechtpflegen durfte. Mit so gewöhnlichen Dingen, wie Blumen es sind, befaßte er sich nicht, doch schien Sibyllens Fußbekleidung auch für ihn von besonderer Anziehungskraft zu sein, denn alle drei Tage etwa fand sie neben den duftenden Blüten ein formvollendetes Sonett in einem ihrer kleinen Schuhe, die sie abends auf den Gang hinauszustellen pflegte, und da Herr Bruno Treu jedesmal, wenn sie eine poetische Gabe erhalten hatte, in ein grüblerisches Auf- und Niedergehen verfiel, wobei er mit gerunzelten Brauen die Lippen bewegte und skandierend den Arm hob und senkte, so bedurfte Sibylle keines besonderen Scharfsinns, um in ihm den Urheber jener Verse zu erraten.

Übrigens waren diese Sonette keine Liebesgedichte, weit gefehlt. Sie bezogen sich teils auf die schönsten und lautersten Dinge der Natur, auf Quell und Strom, die Gebirgswelt und die weite Ebene, teils auf die erhabensten Gefühle der Menschenseele. Immer aber brachten sie ein künstlerisches, höchst empfindliches Schönheitsgefühl zum Ausdruck, und nur wie ein Hauch zog sich eine Stimmung von Sehnsucht und verhaltener Leidenschaft durch sie hin.