Wie das so oft im Leben zu gehen pflegt, daß die Mühen einzelner Personen nicht gewertet werden und andere, die sich nach keiner Richtung besonders hervorgetan haben, ihnen den Rang ablaufen, so geschah es auch hier zum Kummer der beiden Liebenden.
Sibylle lernte einen Offizier kennen, der mit Arno in einem Regiment diente und sofort allein dadurch ihr Interesse erweckte. Freiherr v. Zur-Linden, ein hagerer, überschlanker Leutnant mit aufgewecktem Gesicht und treuherzigen blauen Augen, wurde oft mit Sibylle von den unglücklichen Nebenbuhlern erspäht, wenn er im Gespräch mit ihr die Parkgänge auf und nieder wandelte.
Sibyllens Interesse wuchs, als sie hörte, daß er auch Arnos Braut kannte. Er mußte ihr von Ella Bevern erzählen. Und er erzählte so geschickt, daß seine Schilderungen stets ein unausgesprochenes Kompliment für seine Zuhörerin enthielten.
So hatten sich die beiden jungen Menschen einander unwillkürlich genähert, doch wie unbefangen und ruhig auch Sibylle blieb – der Leutnant hatte sich trotz seines wohlgezügelten Temperaments über Hals und Kopf in sie verliebt. Sie trafen einander wieder und wieder. Er kannte die Wege alle, die Sibylle zu wandern liebte, und er stellte sein Wild wie nur ein geübter Jäger. An einem heißen Sommertage trat er ihr aus einem Boskett entgegen, in das sie sich vor der Schwüle des Tages mit einem Buche zurückziehen wollte.
Er sah hagerer und leidender aus denn je.
»Ist Ihnen heute nicht gut, Herr von Zur-Linden?« fragte Sibylle teilnehmend.
»Seit einem Augenblick geht's mir ausgezeichnet.«
Sie sah in sein gequältes Gesicht, und ihr wurde weh zumute.
»Ich habe mich oft gefragt,« begann er leise und entschlossen, »ob das Interesse, das Sie meinem Kameraden Wolf-Rüdinghausen schenken, nicht so stark ist, daß es anderen Empfindungen hinderlich sein könnte.«
Es schien, als habe er sich diesen Satz wohl einstudiert.