Einige Tage später saß Sibylle allein in dem efeuumrankten Boskett, grübelte und sann. Der Leutnant war in der Morgenfrühe ohne Abschied abgereist. Die poetischen und Blumengaben waren seltener geworden. Scheu und vorwurfsvoll suchten die beiden bekümmerten Jünglinge die schöne Ursache ihres Leides zu meiden. Sibylle kam sich auf einmal frei und erleichtert vor, und doch …

Der Laubeneingang verdunkelte sich. Ein altes Fräulein, das Sibylle gern mochte, auch eine Rekonvaleszentin, hüstelte und trat ein wenig näher. »Störe ich Sie nicht, mein liebes Kind?«

Sibylle war aufgesprungen. »O nein … bitte.«

Die alte Dame setzte sich neben sie und streichelte zärtlich ihre Hände. »Ja, ja,« sagte sie dabei und nickte, »ja ja.« Ihre weißen Lockenwickel zitterten. »Ich habe Ihnen auch einen Gruß zu bringen –«

»Von Leutnant Zur-Linden?« fragte Sibylle.

Die alte Dame nickte wieder und fuhr fort, die jungen Mädchenhände zu streicheln. Ihre zarte Art griff Sibylle ans Herz. Gedämpft und voll eines plötzlichen Vertrauens, das sie sich nicht zu erklären wußte, begann sie zu sprechen.

»Es ist so unbegreiflich, so schmerzlich …« murmelte sie stockend in die heiße Sommerluft hinein, »man will doch niemandem wehe tun und tut doch wehe. Da kommen sie und bringen einem Blumen und Verse und sind betrübt und enttäuscht und reisen ab, wo es für ihre Gesundheit gut wäre, die Kur zu Ende zu brauchen, und quälen sich und andere …«

Das alte Fräulein nickte wieder und sah sie gütig an. »Ist es denn eine so schwere Last, Liebe zu erwecken? Ja ja, ich verstehe, wenn man selbst nicht –«

»Ja!« rief Sibylle, »und ach, ich weiß nicht … vielleicht kann ich überhaupt nicht … ich muß doch sein, wie ich bin!«

»Sie haben Ihr eigenes Leben und Ihren eigenen Maßstab, Kindchen, da haben Sie recht. Aber das Leben liegt noch vor Ihnen, und es kann gut und schön werden so oder so. Wir Alten – wir sind über all das hinaus; für uns haben sich die goldenen Tore des Lebens geschlossen, was wir sehen, wenn wir zurückblicken, ist wie Traum und Schatten, auch das Leid, das wir erlebt haben. Wie in einem winterlichen Silbergarten stehen wir, bereifte alte Bäume, und schauen nach innen und träumen und warten …«