»Ach ja!« seufzte Sibylle, »so gerade, so ist mir's auch, das kenn' ich so gut.«

»Sie …?« Die alte Dame sah sie grübelnd an und lächelte mild. »In unseres Herrgotts Garten wachsen verschiedene Bäume und Blumen,« sagte sie leise. »Jedes hat sein Recht und seine Art, da läßt sich nichts dreinreden. Es gibt Blumen, die nur einmal blühen, aber zum Blühen und zur Vollendung soll ein jedes kommen, früher oder später. Sieh da – Sibylle, ist das nicht Ihre Mutter, die Sie sucht?«

Sibylle trat vor den Laubeneingang und schaute hinaus. Die Gräfin stand an der Biegung eines Parkweges, hielt die Hand über die Augen gebreitet und spähte umher. »Sibylle!« rief sie.

»Ja, Mama, ich komme!« Dann eilte das junge Mädchen noch einmal in die Laube zurück, beugte sich über die Hand der alten Dame und küßte sie. »Ich danke Ihnen.« – –

Nach Zur-Lindens Abreise gestaltete sich das Verhältnis der Eltern zu Sibylle liebevoller als je. Sie hatte der Mutter offen von seinem Antrage erzählt. Glaubte das Ehepaar, seinem Kinde für den jugendlichen, sympathischen Verkehr, der mit Zur-Linden verloren gegangen war, einen Ersatz bieten zu müssen, oder war den Eltern bewußt geworden, daß sie Sibylle schwerlich lange für sich allein würden behalten dürfen, kurz, das Zusammenleben der drei war von erquicklicher Harmonie und Innigkeit.

Auch nach ihrer Rückkehr in die Heimat. Wie ein kostbares Kleinod, das fremden Augen nicht preisgegeben werden durfte, hüteten und wahrten diese drei Menschen den Schatz ihrer gegenseitigen Liebe und ihres Verständnisses füreinander.

Der Graf hatte für Sibylle als Überraschung daheim ein Jungmädchenzimmer von auserlesener Zartheit herrichten lassen, das Sibylle bewundernd ihr Silberparadies nannte. Es war in der Tat ein solches. Silberweiß die Wände und weißlackiert die Möbel, selbst die Bücher im zierlichen Schrank waren in weißes Leder gebunden. Duftige Fenstervorhänge und eine schwere, weißseidene Portiere schlossen diesen festlich-anmutigen Raum vor der übrigen Welt ab.

Hier stand Sibylle oft träumend an einem der Fenster und blickte in die Winterpracht hinaus. Im Frühjahr, Herbst und Winter, wenn die Bäume noch nackt aufragten, konnte sie von ihrer Höhe einen See erspähen, der wie ein unheimliches Auge in den grauen Wolkenhimmel emporstarrte oder an schönen Tagen die Bläue des Himmels glitzernd widerspiegelte. An diesen See knüpfte sich eine Sage: alle zehn Jahre, hieß es, müsse er sein Opfer haben, und Sibylle erinnerte sich, als Kind von einem blinden Manne gehört zu haben, der beim Überschreiten des Eises eingebrochen und ertrunken war. Jenseits des Sees lag ein Gutshof, in den jetzt das Glück eingekehrt war. Die älteste Tochter des Freiherrn v. Wrede hatte sich verlobt.

Der gesellschaftliche Verkehr beschränkte sich hauptsächlich auf diese Familie Wrede und den alten Pastor, der Sibylle konfirmiert hatte, und dem sie herzlich zugetan war.

Wenn der verwitwete alte Herr mit dem klugen, ehrwürdigen Gesicht ins Schloß kam, war's immer eine Freude für Sibylle, und die beiden pflegten sich in einer Art zu unterhalten, die an das Gespräch mit dem greisen Fräulein im Sanatorium erinnerte. Pastor Büttner behauptete oft der Gräfin gegenüber, er erbaue sich an der Weise Sibyllens, die eine stille Naturfrömmigkeit zum Ausdruck bringe, mehr als an den frommen Redensarten seiner anderen Gemeindeglieder.