»Lieber Herr Pastor,« sagte Sibylle einmal nachdenklich, »warum fürchten die Menschen den Tod, da er doch nur ein Übergang ist? Sterben wir nicht alle viele Male, wenn wir aus einem Zustande in einen anderen übergehen? Stirbt nicht die Natur, um zu leben? Ich weiß nicht, wie es kommt, aber ich fühle mit dem Wasser, wenn es langsam zu Eis erstarrt; mir ist, als sei ich mitten unter den absterbenden Herbstblättern, und ich bin auch wieder in den jungen treibenden Knospen – ich fühle mich als sie, und mir ist, als wüßten alle diese Dinge viel mehr und als seien sie viel weiser als wir Menschen.«
Der alte Geistliche wiegte den grauen Kopf, sah das junge Mädchen sinnend an und sagte sanft: »Sie denken mit dem Herzen, Sibylle, und darum sind Sie reich – wie die Kindlein, derer das Himmelreich ist. Aber warum meinen Sie, daß die Dinge weiser sind als wir?«
»Sie widerstreben nicht, sie tun, was die Jahreszeit von ihnen will und ihre eigene Art,« antwortete Sibylle. »Wir Menschen aber, wir wollen uns nicht fügen – das ist ja auch manchmal sehr schwer,« fügte sie entschuldigend mit einem verirrten Lächeln hinzu.
Im Laufe dieses Winters ward Sibylle von seltsamen Träumen heimgesucht, die sich ihr mit außerordentlicher Deutlichkeit einprägten. Insbesondere war es ein immer wiederkehrender Traum; sie sah ihm mit einem Gefühl von Unruhe, ja Angst entgegen, weil er immer, in derselben ihr unbekannten Gegend anhebend, sich mit wenigen Veränderungen abspielte und ihr ein schweres Wehegefühl hinterließ. Sie stand in einer hohen Felsschlucht, auf einer schwebenden Brücke, unten kochte der Gebirgsbach, oben sah der freie Himmel hinein, und zu beiden Seiten wand sich die Schlucht in einen finsteren Grund weiter. Neben ihr, auf der Brücke, stand ein Mann in einem dunklen, faltigen Mantel, und sie hörte ihn die Worte sprechen: »Natur und eine geliebte Menschenseele – welch ein wundervoller Zusammenklang!« Dann aber, wie sie sich nach ihm umsah, war sie allein auf der Brücke, und unten in der tosenden Tiefe sah sie sehnsüchtige Hände, die nach ihr langten und sie nicht fassen konnten. Und es war ihr, als seien es die Hände ihrer Eltern. Sie sprach zu niemand von diesem furchtbaren Gesicht. Die Worte des alten Fräuleins fielen ihr ein: »Was wir sehen, wenn wir zurückblicken, ist nur Traum und Schatten, auch das Leid, das wir erlebt.« War nicht auch Traum und Schatten, was man vor sich sah? Sibylle wußte es nicht.
Inzwischen begann man sich zur Hochzeit Selma Wredes zu rüsten. Da Sibylle Brautschwester sein sollte, so gab das eine angenehme Geschäftigkeit. Immer wieder fand die Gräfin etwas an den Toiletten zu verändern und zu vervollkommnen. Schneiderinnen bekamen alle Hände voll zu tun, und auch die Gräfin fand noch eine wehmütige Freude daran, sich selber zu schmücken. Botschaften gingen über den See hin und her.
Endlich war alles, wie man es sich wünschen konnte, und strahlend in Heiterkeit und Anmut, trat die Mutter am Hochzeitsmorgen Selma Wredes in Sibyllens Stübchen. Wie erschrak sie, als sie ihr Kind mit dunkelumränderten, fiebrigen Augen im Bett sitzen sah.
»Sibylle, was ist?«
»Ach, Mamachen, nichts von Bedeutung, aber ich fürchte, ich werde das Fest nicht mitmachen können, ich habe die ganze Nacht durch Halsschmerzen gehabt.«
Bestürzt beugte sich die Mutter zu Sibylle nieder und faßte ihre Hände. »Du fieberst ja, Kind!«