Sibylle lächelte, bog sich zurück und küßte die Hand ihrer Mutter. »Nein, küsse mich nicht, Mama, ich könnte dich anstecken – wahrscheinlich nur eine gewöhnliche Halsentzündung.«

Der Arzt ward geholt und bestätigte Sibyllens Annahme. Die Sache sei durchaus nicht gefährlich, natürlich aber dürfe die Komtesse nicht ausfahren.

Nun wollte auch die Gräfin zu Hause bleiben, aber Sibylle ließ ihr keine Ruhe, das würde Selma doch zu sehr enttäuschen. Sie bat und flehte, bis ihre Mutter endlich nachgab und auf das Fest zu gehen versprach. Vor Sibyllens Augen ließ sich die Gräfin von der Jungfer ankleiden, obwohl ihr die Freude an dem Tage gänzlich verdorben war.

»Was habe ich noch für eine schöne, junge Mama!« sagte Sibylle zärtlich mit feucht glänzenden Augen – »wie heller Flieder bist du, laß dich von allen Seiten anschauen! Und Väterchen soll sich auch präsentieren!«

Betrübt nahmen die Eltern Abschied, und Sibylle horchte angestrengt auf die verhallenden Schlittenglocken.

Eine halbe Stunde etwa mochte vergangen sein, als Sibylle von einer grauenvollen Unruhe befallen ward. Unheimlich kroch eine Angst, die sie sich nicht zu erklären vermochte, über ihre Glieder und schüttelte sie. Von Schauern durchrieselt, warf sie sich in ihrem Bett hin und her, ächzend richtete sie sich auf, langte mühsam nach einem Schal, hüllte sich hinein und starrte verloren vor sich hin. Was sie empfand, war nahezu Verzweiflung – warum? weshalb? Sie wußte es sich nicht zu erklären. Ich bin doch kränker als ich glaubte, dachte sie; gut, daß es Mama nicht gemerkt hat!

Vor Erschöpfung schlief sie endlich ein.

Als sie erwachte, war es heller Tag. Sie griff erschreckt nach der Glocke, um dem Mädchen zu klingeln. Es war doch unerhört, daß sie die Rückkehr ihrer Eltern verschlafen hatte! Aber kaum schrillte der Glockenton durch das Haus, als im Zimmer nebenan ein erregtes Flüstern hörbar wurde – Sibylle vernahm ein Huschen, ein unterdrücktes Räuspern, die Tür ward aufgeklinkt, der weiße Vorhang beiseite geschoben, und vor ihr stand der alte Pastor.

Er sah feierlich und so blaß aus, daß Sibylle ihn entsetzt anstarrte.