Der alte Mann nickte nur, dann fiel er vor dem Bett in die Knie, rang die Hände hoch empor und begann laut zu beten: »Herr, hilf deinem Kinde! Herr, sei deinem Kinde barmherzig und gnädig, Herr, gib Kraft zu tragen …«

Scheu hob er das Haupt und sah Sibylle an.

»Ertrunken …« murmelte sie abwesend, »ertrunken – zuviel, zuviel –«

Sie ächzte leise auf, stieß einen furchtbaren, durchdringenden Schrei aus und fiel vornüber, bewußtlos.


Die ersten Wochen nach dem entsetzlichen Ereignis vergingen dumpf wie ein lastender Traum. Sibylle war in einen Zustand teilnahmloser Schwäche geraten, aus dem sie nichts, weder die zärtliche Hingabe der Wredeschen Familie, noch die liebevolle Fürsorge ihres geistlichen Freundes zu reißen vermochte. Die Baronin Wrede war für einige Tage ganz zu Sibylle hinübergezogen; eine ältere Verwandte, ein Fräulein v. Trebnitz, hatte man aus Berlin herbeidepeschiert zur Pflege Sibyllens und zur Leitung des Hauswesens. Unter ungeheurem Zudrang der nahen und ferneren Nachbarschaft waren die Leichen, die man aus dem See gezogen hatte, in der Familiengruft beigesetzt worden. Nur der alte Kutscher allein hatte sich gerettet. In dem Moment, als der Coupéschlitten einbrach, war er halb besinnungslos vor Schrecken ins Wasser geglitten. Die stolpernden, bäumenden Pferde hatte er zuvor noch zurückreißen können, hinter sich aber hatte sich das Coupé plötzlich gesenkt – ein Krachen, Bersten, Auseinanderklaffen und eiskalte Fluten Wassers – als er wild um sich greifend, eine Eisscholle gepackt hatte, war alles verschwunden, versunken. Geschrien hatte er wie ein Wahnsinniger – einen Pferdekopf hatte er noch einen Moment gesehen, dann nichts mehr. Laut weinend erzählte er den furchtbaren Hergang und nahm sofort seinen Abschied. »Ich könnte ja der Komtesse nie mehr unter die Augen treten,« sagte er, »obwohl ich ja bei Gott keine Schuld habe. Noch tags zuvor bin ich ja mit dem Lastschlitten, den Möbelkisten, die unsere Herrschaft der Baroneß Wrede geschenkt hatte, über dieselbe Stelle gefahren, und die Kisten waren wahrhaftig schwerer als das leichte Coupé. Da hat der Teufel seine Hand im Spiel gehabt – ich kann das Unglück nicht begreifen!«

Es verhielt sich in der Tat so, wie der alte Mann ausgesagt hatte. Untersuchungen und Vernehmungen ergaben die Richtigkeit seiner Behauptungen. Man mühte sich, die Ursache des Unglücks in einer verstärkten Strömung des Unterwassers zu erklären, die durch außerordentliche Herbstregengüsse hervorgerufen sein könne und vielleicht das unterseeische Strombett eines durchziehenden Flüßchens verändert habe; man erschöpfte sich in Hypothesen und Vermutungen – die ältesten Bauern aber schüttelten düster die Köpfe und meinten, der See habe nun wohl auf zwanzig Jahre Ruhe, da er mit einem Male zwei Opfer gefordert – daß es aber die liebe, gütige Herrschaft habe treffen müssen – das sei bitter hart.

Daß Sibylle zur Beisetzung ihrer Eltern nicht hatte zugegen sein können, empfand man als ein Glück für sie. Es war auch ein Glück, daß sie die lieben, entstellten Züge nicht mehr gesehen hatte. Täglich regnete es von allen Seiten Erkundigungen und Nachfragen, und täglich konnte Fräulein v. Trebnitz nur dieselbe trübe Antwort finden: »Immer noch völlig teilnahmlos.«

Sibylle war wie ein gebrochenes Rohr. Still, blaß und wie bewußtlos lag sie viele Stunden, ohne sich zu rühren, mit geschlossenen Augen und nahm gehorsam Stärkungsmittel und Nahrung zu sich mit einem gemurmelten Danke. Arzt und Pastor kamen täglich, verhandelten flüsternd miteinander und mit Fräulein v. Trebnitz, und verließen bekümmert das Haus.

»Sie sollte sich doch einmal aufraffen können,« meinte die ältliche, spitznasige Verwandte seufzend und schüttelte ergeben in fremdes Leid den dünnen, graubezopften Kopf. »Wo bleibt denn das Vertrauen zu unserem Herrgott?«