»Man muß ihr Zeit lassen; eine so zarte Seele wie die ihre, die sich die Erleichterung des Aussprechens versagt, braucht mehr Zeit als andere!« murmelte der alte Pastor weich. Im geheimen wünschte auch er schmerzlich, Sibylle möge ihren Trost dort suchen, wo er ihn selbst gefunden: im Glauben und im Gebet.

Und eines Tages, als er wieder bei ihr saß und sie wie immer liebevoll nach ihrem Befinden gefragt hatte, hob Sibylle mühsam den Kopf aus den Kissen, sah ihn mit einem scheuen, langen Blick an und streckte ihm eine abgezehrte Hand entgegen.

»Sie sind so gut und geduldig, mein lieber alter Freund, viel zu gut sind Sie, und ich …« Sie schwieg, ein wundes Zucken rann über ihr Gesicht.

»Und Sie …?« fragte der alte Herr gespannt.

»Ich habe vor, sehr undankbar zu sein,« sagte Sibylle matt, »und Sie alle zu verlassen – ich kann es nicht mehr ertragen, in meinem Heim zu leben wie früher – zu schwer, zu entsetzlich ist das. Fort will ich – irgendwohin, in den Süden, in die Berge, wo es – so anders ist. Ich will Wangen verkaufen und nie, nie mehr wiederkehren …«

»Wangen – verkaufen?« Der Pastor starrte sie entsetzt an.

»Ja … kann ich denn hier leben? Sagen Sie selbst, Herr Pastor, wo alle Dinge tausend Augen haben und mich so weh anstarren –« Schnell und leise sprach sie weiter: »Fort, fort muß ich um jeden Preis – in die Berge, in die Stille, in den tiefen, einsamen Winter hinein, wo niemand mich kennt, niemand fragt, niemand weiß. Dann will ich sehen, was mir zu lernen not tut – nicht vergessen, Herr Pastor, o nein, nur mich selbst finden, wenn ich – anderen – etwas sein kann.«

Der alte Mann seufzte tief auf und schwieg. Hatte er sich früher in den hellen, glücklichen Tagen an Sibyllens Weise gefreut, so erschien ihm jetzt ihre Art fremd. Die Kinder des Glaubens pflegten sich Schicksalsschlägen gegenüber zu beugen mit Weinen, mit Beten, mit Reue und Selbstanklagen, mit Flehen um Trost und Gnade, oder aber sich aufzulehnen mit Empörung, Trotz und Hader. Sibylle aber duldete schweigend wie eine gebrochene Blume, und da, wo man es am wenigsten erwartete, da handelte sie. Er empfand, daß er wenig von ihrer Seele wußte, so gut er sie auch zu kennen geglaubt. Ihre Natur zog sich still und stolz in sich selbst zurück und wich einfach aus, wo sie sich gebunden und gehemmt fühlte, ohne sich über sich selbst zu äußern.

»Wen Gott der Herr liebt, den züchtigt er,« sagte er leise.