Sibylle schlug die durchsichtigen Augen zu ihm auf und sah ihn schmerzlich an. »Es ist ja gleich,« flüsterte sie, »ob wir leiden oder uns freuen – im letzten Grunde kommt es darauf nicht an für unsere Seele, so schwer auch das Leiden ist, nur wir selbst müssen wir zu bleiben suchen und die Wege gehen, die uns dazu führen.«

Es lag eine Art schmerzlicher Stille über ihrem schmalen Gesicht, wie sie bei Menschen erscheint, die sich zu einer läuternden Wahrheit durchgerungen haben.

»Dürfen wir aber die Aufgaben verlassen, in die uns Gott hineingesetzt hat?« fragte der alte Herr zögernd, von ihren frühreifen Worten betroffen.

»Wenn uns eine Wahl bleibt – ich glaube ja. Ich muß innen gesund werden, ehe ich an Aufgaben denken kann, und das kann ich nur allein und fern von hier.«

»Sie sind ja noch so jung, Sibylle – wenn Sie später anders dächten …«

»Ich bin mündig, Herr Pastor. Bitte, seien Sie gut und veranlassen Sie meinen Vormund, Baron Klaus Wrede, morgen zu mir zu kommen. Ich muß alles mit ihm besprechen.«

Sibyllens Entschluß, abzureisen und das Stammgut ihrer Eltern zu verkaufen, rief eine allgemeine Mißbilligung hervor. Baron Klaus Wrede, ein Freund ihres Vaters und der Vater Selmas, ein Mensch von strengen Grundsätzen, widersetzte sich mit Entschiedenheit ihren Wünschen.

Der stattliche Herr mit dem Wallensteinkopf wurde fast ausfahrend. Mit rotem Gesicht und gerunzelten Brauen saß er Sibylle gegenüber und räusperte sich bei jedem Satz, den er mißmutig hervorstieß.

»Ahem, nein, Sibylle, solche Auffassungen kann ich nicht begutachten, da verlangen Sie zuviel – wie? was? Wangen verkaufen? Das geht denn doch nicht, Kindchen, hm.«