In ihrem Coupéabteil saß sie endlich allein und rang die schmalen Hände, die sich wie weiße Blütenblätter von dem Schwarz des Trauergewandes abhoben.
»Ich wollte ja niemand wehe tun,« flüsterte sie und weinte leise vor sich hin, »und ich habe es doch getan, weil niemand weiß, wie ich leide. Niemand, niemand weiß …« wiederholte sie und sah starr vor sich hin, »und ich bin daheim viel einsamer als allein.«
Als sich der Wagen allmählich zu füllen begann, glitt mancher neugieriger Blick über die junge Fremde hin, die versunken dasaß, das leibhaftige Leid, und niemand wagte es, sie anzureden. Wie Rauch und Ruß hingen die Wolken dunkel und niedrig am Himmel und zogen langsam vorüber. Städte, Dörfer und Ortschaften tauchten auf, verschwanden. Müdigkeit und Trauer wiegten Sibylle traumhaft in einen zeitlosen Zustand von innerer Tiefhörigkeit. Zwischen Möglichkeiten, halb verhüllten Reichtümern, seltsamen Offenbarungen und unbekannten Hoffnungen schwebte ihre Seele wie ein taumelnder Schmetterling über bunte Wiesen …
Ich muß wieder leben lernen, sann sie, leben lernen … als ich ein Kind war, da lebte ich … ich hatte meine Puppen lieb und Arno und Mutter … jetzt will ich die Berge lieben. Lieben – lieben muß ich etwas außer dem Unsichtbaren …
Die Großstadt Berlin, eine rauhe Wirklichkeit, riß sie aus ihren Träumen. Sie empfand jedoch mit einer flatternden Freude, daß etwas Neues und Bedeutsames über sie gekommen sei. Der Lärm, das Tosen der wechselnden Bilder hatte nur auf einige Zeit vermocht, ihren seelischen Zustand zu überdecken. Die Gewißheit dessen, was sie wollte, trat wieder unversehrt und klarer in ihr hervor. Und als sie auf dem Wege nach München von einigen Mitreisenden laut die Schönheit der Tiroler Dolomiten rühmen hörte, beschloß sie in sich, dorthin zu ziehen.
Von nun an handelte sie wie nach inneren unbekannten Gesetzen, planmäßig und überlegt. Die Großartigkeit des Hochgebirges versetzte ihr immer wieder den Atem. Ja, hier in dieser stolzen Schneeeinsamkeit, in dieser winterlichen Ruhe, angesichts dieser steinernen Riesenwunder mußte sie Frieden, mußte sie sich selbst finden.
Sie scheute keine Mühe. In einer Talschlucht, die von beiden Seiten mit dunklen, aufklimmenden Tannenzügen bewachsen war, nahm sie bei einfachen Bauersleuten Quartier auf einige Tage und erbat sich deren Rat und Hilfe. Die ältliche Bäuerin war eine prächtige Frau. In ihrer biederen, schnellerfassenden Art hatte sie bald heraus, was das blasse junge Blut wollte – einen Herzenskummer überwinden. Da tat es nichts zur Sache, daß sie die Trauerkleidung ihres Gastes mit einem verlorenen Liebsten in Zusammenhang brachte. Sie umgab Sibylle mit der derbfreundlichen Sorgfalt, die durch ihre Ehrlichkeit wohltat, und verletzte sie nicht durch aufdringliches Ausfragen. Ihre beiden Söhne, den Jockel und den Franzl, schickte sie in die umliegenden Gastwirtschaften und Sommerhäuser auf Kundschaft aus, und so kam es, daß sie Sibylle eines Tages mit freudestrahlendem Gesicht begrüßte, die Hände in die breiten Hüften gestemmt, lachend wie eine runde, gute Sonne.
»Die Buabn han schon was Guats g'funden, Freili.«
»Wo denn, Mutter Walser, ist's weit?«
»Sell schon, aber guat ischt's.«