So stieg denn Sibylle in Begleitung der beiden Burschen auf mühsamen verschneiten Pfaden durch einsame Wälder aufwärts und fand sich endlich vor einer seltsam geformten Burg. Ein paar alte Leute hausten als Kastellane darin und waren von den Besitzern befugt, einen Teil der Räume an Fremde zu vermieten.
Die Burg stand keck und wuchtig hoch über dem Dorfe auf einer Bergkuppe; dicht darunter lag eine Gastwirtschaft mit mehreren Gehöften, wo Sommerfrischler einzukehren pflegten. Ein dunkler Gebirgsbach brodelte mit steilem Gefälle an den vereisten weißen Ufern vorüber, überschlug sich und tanzte jäh zu Tale nieder. Was aber Sibyllens Freude zum Entzücken steigerte, war ein ausgedehnter, parkartiger Wald von Tannen und Lärchenbäumen, der die Rückseite der Burg erhellte, da er in ein silbernes Prachtgewand gekleidet war. Hoch, hoch darüber stiegen, unnahbar und fern, schroffe Gesteinswände, türmten und zackten in königlicher Majestät ihre Zinken wolkenwärts.
Sibylle beschloß sofort, hier zu bleiben. Das war es, was sie gesucht hatte.
Eine Zimmerflucht der alten Burg war in gutem Zustande, da die Besitzer ab und zu einmal einen Sommer hier zu verleben pflegten. In den letzten Jahren aber, so erzählte die greise Kastellanin, lebten die Herrschaften da unten in Italien, denn ihr Sohn sei länger krank, und die Familie wolle sich nicht von ihm trennen. »Machen Sie es sich nur bequem, gnädiges Fräulein,« sagte die saubere alte Frau knicksend; »es ist durchaus nicht gesagt, daß Sie bloß Ihre zwei Zimmer benutzen dürfen. Uns Alte wird es freuen, mitten in der harten Winterwelt ein junges Blut in den dunklen Räumen zu sehen. Ein Klavier ist auch zur Verfügung,« setzte sie ermutigend hinzu, »und drüben in der Kapelle haben wir ein Harmonium. Früher hat mein Alter darauf gespielt.«
So richtete sich denn Sibylle häuslich ein. Sie packte ihre Bücher in den weißen Lederbänden aus und ordnete sie auf den geschnitzten Regalen. Sie stellte die Bilder ihrer Eltern, des alten Pastors und ein Kinderbild Arnos auf einen Ecktisch, die Photographie ihres heimatlichen Hauses ließ sie tief unten im Boden ihres Koffers ruhen. Sie versank in den dunklen Möbeln, stand oft wie verzaubert vor den hohen Bogenfenstern und schaute in das Wunder von Tiefeinsamkeit und Bergesfrieden hinaus. Oder sie ließ träumerisch eine Melodie auf dem alten Klavier erklingen, und niemand störte sie in ihrem Tun und Lassen.
Wenn des Morgens lebendiger Hauch den lockeren Schnee von den Bäumen wehte, wenn das junge Licht purpurn durch die Tannen blinkte, wenn der Felsen Wolkenzinken im goldenen Flammenstrahl erblitzten, und wenn der Silbermond sein sanftes Licht flimmernd über das reißende Gewässer streute und die ganze Welt in seinen keuschen Mantel hüllte – dann weinte wohl Sibylle vor Weh und Lust, und sie kam sich vor wie verwunschen und verzaubert. Das Leben aber schien ihr schmerzlich süß und lebenswert.
Es kamen aber auch Tage, wo die Wälder wimmerten, ächzten und erzitterten und der Sturmwind heulend um die einsame Burg fuhr, Tage, an denen die Welt erstorben dalag wie verpackt in dichte weiße Tücher, in unablässig wandernde Schneeflockenwände, wo ein banges Gefühl Sibyllen übermannte, und es ihr war, als gehe sie am Leben vorüber. An solchen Tagen wanderte sie ruhelos durch die dunklen braunen Schloßräume wie ein Gefangenes und gedachte des fernen, verwaisten Heims mit bitteren Tränen. Wie unbestimmt und lückenhaft aber auch die Erkenntnisse auf sie einströmten, die die Einsamkeit und das Schweigen ihr zuflüsterten – Erkenntnisse waren es dennoch, und sie füllten ihre trauernde Seele mit Stille und Frieden.
Es machte sich allmählich von selbst, daß man die Fremde drunten in der Gastwirtschaft und den zerstreuten Gehöften ringsum kannte. Wenn die junge zarte Gestalt in den Trauerkleidern an den Kindern und Erwachsenen vorüberwanderte, grüßte man sie freundlich. Sie kannte schließlich die verschiedenen kleinen Resis, Vronis, Seppls und Tonis bei Namen, und obwohl sie selten mit ihnen sprach, hatte sie doch ihre Lieblinge unter ihnen. Als die Kastellanin eines Tages seufzend von der schweren Erkrankung eines kleinen Mädchens sprach, faßte sich Sibylle ein Herz, stieg den Berghang hinab, klopfte an die Tür der Bauersleute und fragte nach der kleinen kranken Resi.
Man ließ sie eintreten. Das hübsche blonde Kind lag in seiner Wandbettlade in hitzigem Fieber und ächzte. Vater und Mutter standen ratlos dabei.