»Dreie sein uns scho wegstuorben – d' Hals geht dem Resele so vial zua!« klagte weinend die Frau.
Sibylle faßte die heißen Kinderhände, richtete das Kind auf, bat um einen Löffel und ermöglichte es, der Kleinen in den entzündeten, verschwollenen Rachen zu schauen.
Sie sah beruhigt auf. »Es ist nur eine schlimme Halsentzündung liebe Frau,« sagte sie lächelnd, »das habe ich selber vielmal durchgemacht und bin doch immer wieder gesund geworden. Jetzt wollen wir dem Resele einen Halsumschlag machen, und nachher komm' ich wieder und bring' ein Gurgelwasser, und wenn sie's artig nimmt, soll sie was Schönes geschenkt bekommen. Gelt, Resele, du willst doch gesund werden?«
Sibyllens liebe Art weckte Vertrauen. Als sie fand, daß die Leute ihre Verordnungen nicht richtig einhielten und das Fieber des Kindes durch übermäßige Stubenwärme und erhitzenden Wein steigerten, bat sie sich aus, die Kleine auf ihre Weise pflegen zu dürfen, und blieb halbe Tage bei den Hubersleuten. Sie hatte den schönsten Erfolg, das Dirnchen genas, das Vertrauen der Umgebung war ein für allemal gewonnen. Man wandte sich auch in anderen Krankheitsfällen an sie, und da Sibylle einsah, wie wenig erfahren sie sei, ließ sie sich medizinische Handbücher kommen und begann sich gründlich mit diesen Dingen zu beschäftigen.
Eine Tätigkeit war gefunden, ohne daß sie sie gesucht hatte. Mit dem gleichen Vertrauen begannen sich die Leute auch in schweren Fällen an sie zu wenden. Sie lernte es, Notverbände bei Quetschungen und Wunden aller Art anzulegen, und wo sie nicht Rat wußte, da schickte sie zum Arzt. Bald war auch die weitere Umgegend ihres Lobes voll, und die Leute kamen aus dem Dorf, um sich Rats bei ihr zu erholen.
Ein schmerzliches Mitgefühl mit allem, was lebte und litt, beseelte sie, und mit ihrem stillen Wirken wuchs auch eine eigene Ruhe und gesammelte Stimmung in ihr und breitete einen seltsamen Schimmer über ihr Wesen.
Allmählich begannen die Wälder von Vogelstimmen zu hallen, die Bäche brausten wilder von den Bergen, erwärmend ruhte die Sonne auf Wiesen und Auen und lockte das feine Grün hervor, und auch in diese hohen Regionen zog der König Frühling. Wie lebte da Sibylle mit den knospenden Blüten und Blättern, wie freute sie sich an den silberglänzenden Wiesen, wo das taubedeckte Gras schüchtern hervorsproßte, wo hin und wieder ein farbiges Blümchen fromm-verwundert in den blauen Himmel blickte, umgaukelt von eifersüchtigen Schmetterlingen und Bienen – wie von neuem staunte sie das heilige Wunder alles Werdens an! Liebte sie auch den Winter um seiner herben Reinheit willen mehr als die übrigen Jahreszeiten – ein Frühling im Hochgebirge war etwas Berauschendes, und die alten steinernen Riesen hüllten sich noch immer in ihre Schneemäntel, das hatten sie nun einmal vor der Ebene voraus, und Sibylle liebte sie um so mehr dafür.
Wie kurze, grelle Visionen flogen oft die Bilder ihres jungen Lebens an ihr vorüber. Jene Zeit war die glücklichste gewesen, da sie, ein fröhlich-ernstes Kind, über ihrem Puppenreich gewaltet hatte. Wie ein Traum leuchtete der Sommerabend vor ihr auf, als sie in grenzenlos gesteigertem Lebensgefühl und seliger Ahnungen voll im Bade von ihrem Hauslehrer belauscht worden war. Hernach die Erkrankung ihres Vaters, Arnos Verlobung – wie war das alles schon lange her – und die unruhige Zeit im Sanatorium. Warum hatte ihre frohe Ahnung nicht gehalten, was sie versprochen? Lag das nicht auch an ihr? Aus dem Reiche der Kindheit war sie leise, leise in das Reich der Jugend hinübergeglitten, und tottraurige, furchtbare Dinge hatte sie erlebt. Wer hinderte sie aber nun, sich ein eigenes, stilles Reich zu schaffen, ein Reich, da sie herrschte durch Liebe und durch Dienen?
Und Sibylle schrieb an ihren Vormund, sie befinde sich wohl und bereue ihren Auszug nicht, sie bitte ihn jedoch, ihr die Kisten mit ihren alten Puppen senden zu lassen.
Um Pfingsten bereitete sie sich ein Fest. Wo Kinderaugen lachten, wurden sie groß und strahlend vor Entzücken: Sibyllens alte Puppen fanden Eingang in die engen Bauernstuben und brachten ein wenig Märchentum und Poesie und viel Glückseligkeit mit hinein. Sich selbst aber hatte Sibylle am seligsten beschenkt: Für die vergebenen Puppen gewann sie sich die Kinderherzen. Wo sie an den Bauernhäusern vorüberging, grüßten sie zutrauliche, glänzende Kinderaugen, und das »schiane Freili« stand, ehe sie's selber wußte, mit beiden Füßen in einem holden, sonnigen Reich der Liebe.