Aber Liebe erlegt Pflichten auf, und Herrschen ist nur ein versetztes Dienen. Das mußte Sibylle an ihrem Teil erfahren. Es dauerte gar nicht lange, so wußte sie um die Sorgen und Kümmernisse der großen und kleinen Leute Bescheid und teilte auch ihre einfachen Freuden mit ihnen. Den kümmerlichen Alten las sie vor und verplauderte manch Stündlein mit dem rüstigen blinden Sepp, der ihr ergeben war wie ein treuer Hund. In letzter Zeit beschäftigte sie sich damit, ihn die Blindenschrift zu lehren.

Und über all ihrem stillen Tun erfuhr sie, daß sie nicht leer ausging. Sie sah und lernte das Hinleben dieser einfachen Menschen mit ihren einfachen Bedürfnissen verstehen, sie tat blitzartige Einblicke in das Kreisen von Lust und Schmerz, sie erfaßte das große und wunderliche Leben und die notwendige Folge von Schuld und Leid.

Wogende Nebel schwammen über dem Tale, und die Sonne konnte nicht durchblitzen, obwohl in der Höhe ein klarer Maimorgen lachte und strahlte. Im Dorf unten hatten sich schon die ersten Ausflügler und Sommerfrischler gezeigt; auf den Gassen regte sich ein buntes Treiben. Kinder standen vor den Häusern und betrachteten neugierig die städtischen Fremden, die, Maireiser auf dem Hut und Rucksäcke auf dem Rücken, zu Fuß in das Dorf gewandert kamen oder auf dem Rade lustig hineinfahren. Eine Gesellschaft hielt gar mit einem prächtigen Zweispänner vor der Gastwirtschaft, und unter den geputzten Federhüten neigten sich lachende Frauengesichter aus dem Wagen.

Die Straße herauf kam eine schlanke, schwarzgekleidete Mädchengestalt daher; »'s schiane Freili«, jauchzten die Kinderstimmen, Kinderaugen funkelten, Mützen und Kappen flogen von den struppigen Bubenköpfen. Sibylle schritt lächelnd und grüßend an den Kindern vorüber, die sie umdrängten, ließ sich hier und da ein Händchen geben und fragte nach diesem und jenem.

Heute war die Lust jählings über sie gekommen, auch einmal einen weiteren Ausflug zu machen und andere Menschen zu sehen als diese Dörfler. Die Kastellanin hatte ihr schon lange von der Falkenschlucht gesprochen und ihr den Weg dahin, der zunächst durch das Dorf führte, genau beschrieben.

Sibylle war so recht von Herzen froh. Eine ruhige, erwartungsvolle Heiterkeit war in ihr, deren sie sich fast schämte, wenn sie des furchtbaren Unglücks gedachte, das sie in diese stille Welt getrieben. Die ganze, in Blütenwonne aufgelöste Natur atmete Duft und Frische. Die Nebel hatten sich allmählich geteilt und verzogen sich wie lichtdurchwobener Dampf und Rauch; hellfreundlich strahlten die Bergwände die Morgensonne wieder. In zackigen Schneelinien hob sich hoch und herrlich die ferne, wogende Bergwelt.

Rüstig schritt Sibylle die Talmulde entlang, die von beiden Seiten eng in Bergwände hineingelagert war; immer enger schoben sie sich zusammen, immer steiler wurden sie. Bäche rieselten nieder ins duftende Gras, flüsterten und rauschten, junge Birkenbäume schmiegten sich vereinzelt in geschützte Eckchen und schüttelten ihr lichtdurchstrahltes zartes Laub, bunte Blumen tanzten auf dem sonnigen Grün, ein leiser Wind wehte, der Himmel lachte …

Und mit blitzartiger Erkenntnis wurde der Gedanke in Sibylle lebendig, daß die Natur selbst ein Spiegel unserer eigenen, inneren Welt sei. Wer sie anschaut, wer in ihre Tiefen dringt, dem muß sie manche Frage beantworten, dem kann sie innere Rätsel lösen, und wer sie liebt, so recht aus voller Seele, der wird sich in ihr verstanden fühlen. Sie lügt und schmeichelt nie, sie schüttet Reichtümer aus über Bedürftige, sie erfreut und bezaubert unsere Augen und erleuchtet unseren Geist durch ihre tiefere Bedeutung.

Sibylle lächelte in sich hinein, während sie weiterschritt. War nicht auch eine übereinstimmende Bedeutung in der weißsilbernen Winternatur und ihrer eigenen, scheuen Seele, die aus Gefühlsüberschwang herbe wurde und kalt zu sein schien? Hatte sich der Rhythmus ihres eigenen Wesens nicht schon in jenen feierlichen, einsamen Tänzen geäußert, die sie als Kind vor ihren Puppen aufzuführen gepflegt? Weshalb war sie nie mit ihren stummen porzellanenen Untertanen intim geworden? War ihr nicht das Bedürfnis, Distanz zu halten, eingeboren? Warum wohl? Sie wußte es jetzt mit einem Male: es war Selbstschutz, nicht Mangel, sondern Tiefe des Empfindens. Und taten nicht die schneebedeckten Berge das gleiche? War da nicht eine innere Verwandtschaft?