Sie nickte ihren weißen, glitzernden Freunden heimlich zu und lächelte glücklich. Nie hatte sie sich nach der üppigen Natur der Tropen mit ihren glänzenden, prallen Farben, mit ihrer tastenden Aufdringlichkeit gesehnt. Ihr Reich war der reifbedeckte Märchenwald, der Silbergarten, wo das Schneelicht leuchtete, wo der Mond kühl und geheimnisvoll durch die flimmernden Zweige spielte, wo die Stille horchte und das Schweigen redete …
Der Wagen mit den nickenden Federhüten holte sie rollend ein, sie hörte Stimmen lachen und schwatzen – wie er an ihr vorüber war, erschien ihr alles ringsum lebendiger. Hastiger quirlten und sprudelten die Bäche, liefen eiliger an ihr vorüber, lauter flüsterte das Birkengezweig, tönender summten die Bienen – die lustige Gesellschaft hatte die Stille mit fortgenommen.
In Gedanken wanderte Sibylle dahin. Ihre Seele war wach und rege. Die Felsschlucht begann einen düsteren, schwermütigen Charakter anzunehmen, steiler und drohend drängten sich die Wände zusammen, enger, kühler und dunkler ward es. Die spielenden Gewässer hatten sich, ehe sie es gewahr wurde, in einem steinigen Flußbett gefangen und schwollen zu einem Bach an, der düster grollend an ihr vorüberrauschte. Bedrückt und seltsamer Ahnungen voll wanderte sie wohl eine halbe Stunde weiter – plötzlich stand in einer Wegbiegung ein gewaltiger Felsblock vor ihr auf, hoch und still wie eine Mauer, als wolle er ihr den Weg versperren. Ein ängstliches Vorgefühl machte ihre Pulse klopfen – was würde nun noch kommen? Sie schloß die Augen und eilte vorwärts, erst hinter jener jähen Wegbiegung wollte sie wieder hinsehen, sie zählte ihre Schritte, 15, 30, 60, sie blinzelte zwischen den halbgeschlossenen Wimpern – noch etwa zehn Schritte, die Wendung war erreicht. Verwirrt blieb sie stehen und spürte einen furchtbaren Ruck in ihrem Körper: kannte sie denn etwa diese Gegend nicht? Wenn etwas in der Welt, so sollte sie dieses Bild kennen, war es doch mit ihr gewandert in ahnungsvollen Schauern, hatte es sich ihr leidvoll eingeprägt und war von ihr oftmals und immer wieder und wieder in ihren Träumen gesehen worden!
Das war die finstere Schlucht ihrer Träume, ja, das war sie – hier das treibende Gewässer, dort die hängende Brücke, vor ihr die düsteren, eng aneinander gerückten Felsen, hoch oben in dem schmalen Spalt ein blauer Himmelsstreif – und dort, Herr Gott, es war so, schritt ein Mann in dunklem Faltenmantel über die Brücke –
Sibylle fühlte, wie ihr Herz stillstand – war nicht alles wieder nur Traum? Etwas Entsetzliches ging in ihr vor. »Kehre um, kehre um!« rief eine Stimme in ihr, und »Nein, bleibe, steh und erkenne!« eine andere.
Dumpf und starr vor Grauen schritt sie weiter, die Augen fest auf die Brücke gerichtet. Wie im Nebel gewahrte sie, daß die Schlucht sich in zwei Arme gabelte; der eine Arm wand sich, von dem Bache begleitet, in eine vertiefte, unheimliche Finsternis hinein, der andere, breitere, schien wieder allmählich in die grüne Gotteswelt hinauszuführen. Hier stand, eng an die Felswand gedrückt, das Gefährt, das an Sibylle vorbeigerollt war. Es war leer. – Helle Frauengestalten traten aus dem dunklen Gang ans Licht. Ein kleiner Knabe eilte ihnen voraus und kam hastig auf den Mann, der auf der Brücke stand, zugelaufen.
Eine junge Frau folgte. »Arno,« rief sie ängstlich, »nicht so schnell, vorsichtig, Arno!«
»Papa!« jauchzte der Kleine und umfaßte die Knie des einsamen Mannes. Dieser hob das Kind hoch empor, küßte es und stellte es wieder auf die strammen Beinchen.
Sibylle fühlte, wie alles Blut ihr nach dem Herzen trieb. »Arno …« wiederholte sie flüsternd, »der Mann da ist Arno, und das ist sein Kind!«
Sie betrat die Brücke nicht. Während sie daran vorüberschritt, warf sie einen scheuen Blick in das dunkle Männerantlitz. Er ist's! jubelte sie innerlich, das sind seine grauen Augen, das ist seine Stirn, sein Mund, sein Lächeln … aber ist er denn nicht glücklich …?