Sie zögerte einige Augenblicke, sie sehnte sich, seine Stimme zu hören; ob sie in ihr wohl den warmen Klang seiner Knabenstimme wiederfände?

Die Dame nahm zuerst das Wort. »Ich finde es hier schauerlich öde, ich dächte, wir brächen wieder auf. Was fesselt dich eigentlich so an dieser unheimlichen Gegend, Arno?«

Die Stimme gefiel Sibylle nicht, sie hatte einen oberflächlichen Ton.

Er reichte seiner Frau die Hand. »Also dann auf Wiedersehen in zehn bis vierzehn Tagen am Gardasee, Pension Dante, Garda, vergiß das nicht. Ich mache meine Dolomitenreise zu Fuß weiter, wie verabredet. Viel Vergnügen!«

Sibylle ging ruhig weiter. Ihre seelische Tiefhörigkeit raunte ihr eine schwere, bange Wahrheit zu: sie wußte, Arno war es, und Arno war nicht glücklich. Wie kühl hatte sein Abschied geklungen! O fort, fort von hier, ehe er sie erkannte!

Schnell entschlossen kehrte sie um und eilte beflügelten Schritts den Weg zurück, den sie gekommen war. Hinter sich her hörte sie scherzen und lachen, hörte durcheinander schwirrende, mutwillige Frauenstimmen, sie hörte wie der Wagen aus der Stelle rückte, wie der Kutscher den Pferden zuredete – noch einmal schaute sie zurück: in dem Gefährt unter den anderen Damen saßen Arnos Frau und Arnos Kind – jetzt rollte es mit seiner munteren Bürde nach der entgegengesetzten Seite hinaus ins Freie. Sie sah es nicht wieder.

Und jetzt kam ein brennendes Weh über sie – sie senkte das Haupt – über ihre schmalen Wangen stürzten schnell hintereinander bittere Tränen. Das Bewußtsein ihrer schmerzlichen Einsamkeit beugte sie nieder wie ein Rohr im Winde.

So würde sie auch Arno nie wieder sehen! Ein Fremder war er ihr geworden, ein Fremder mußte er ihr bleiben. Sie vermochte das Weh, das sie gepackt hatte, kaum zu fassen, noch weniger zu bändigen. Weshalb hatte dieses Wiedersehen ihr Wesen in den furchtbaren Aufruhr versetzt? Wußte sie es nicht seit Jahren, daß Arno verheiratet war? »Aber er war doch mein einziger Freund, mein letztes Stückchen Heimat …« klagte ihre weinende Seele. Doch groß und schwer wie eine verhüllte Frau stand plötzlich die Wahrheit vor ihr auf und sprach herb und streng: »Du betrügst dich selbst; Arno hast du geliebt seit deinen Kinderjahren um seiner selbst, nicht um deiner Heimat willen. Die Heimat hast du ohne besondere Kämpfe verlassen.«

Betreten stand Sibylle still und schaute wirr um sich. Ja, ja – es war so. Sie hatte ihn immer geliebt, liebte ihn immer noch, trotzdem er einer anderen gehörte – sie liebte ihn jetzt mehr als jemals. O fort, fort mit diesen Gedanken, fort aus Arnos Nähe!

Besinnungslos begann sie zu laufen, als hetzten sie Gespenster … sie lief und lief atemlos, ohne nach rechts und links zu sehen, sie lief, als liefe sie um ihr Leben – da – schlug ihr Fuß an einen Stein, sie stürzte jählings und blieb mit einem schneidenden Schmerz im Knöchel liegen.