Er schwieg und beugte sich über den kranken Fuß. »Das sieht ja schon besser aus,« sagte er froh. »Jetzt ziehen wir den Strumpf wieder an und tragen unser müdes Kind heim.«
»Ach ja,« murmelte sie, »ich wäre gern dein Kind, Arno.«
Er hob sie auf, sie schlang ihre Arme vertrauend um seinen Nacken und schmiegte ihr Köpfchen an seine Schulter. »Bin ich dir auch nicht zu schwer?« fragte sie, vor Behagen blinzelnd.
»Kinderleicht!« rief er feurig. Und wacker begann er auszuschreiten.
Sibylle lachte leise vor sich hin. »Was werden meine guten Dörfler sagen, wenn sie ihr ›schianes Freili‹ so wiedersehen? Die Kastellanin kriegt sicher Krämpfe vor Mitleid.«
Er drückte seine leichte Bürde zärtlich an sich. »Sonnenkind!« flüsterte er zärtlich und dann: »Willst du nicht schlafen?«
»Schlafen? Wie kann man denn schlafen, wenn man so glücklich ist? Nach dem Furchtbaren, weißt du, da hab' ich wochenlang nicht schlafen können. Und als ich fort wollte, da waren alle bös mit mir, die Tante Betty Trebnitz und der Vormund Klaus Wrede, auch der gute Pastor … das war schrecklich, aber fort mußte ich dennoch, denn alle Dinge hatten Augen bekommen und sahen mich fürchterlich an in meiner Verlassenheit – ich wäre wahnsinnig geworden. Am schwersten war es, so mitten im Winter fortzuziehen – die lieben alten Bäume … unser Garten … die Gräber, aber es mußte ja sein. Daheim glauben sie, ich hätte kein Herz für die Heimat. Aber konnt' ich denn anders? Und hier hat's lange gedauert, bis ich ruhiger wurde. Die weißen Berge und die feierlichen Bäume machten mich allmählich ruhig, und dann zuletzt auch meine Pflichten.«
»Pflichten?« fragte er lächelnd.
»Aber ja, gewiß. Siehst du, man kann doch nicht nur für sich selbst dahinleben.« Und sie begann ihm ausführlich zu erzählen von ihrem blinden Sepp, den sie die Blindenschrift gelehrt hatte – die habe sie ja selbst zunächst lernen müssen, und da habe es anfangs gar nicht geklappt, von der Großmutter Gräsern, der alten Mutter Koppen, den beiden Hubergreisen, von den medizinischen Büchern, die sie studiert habe, und von dem Vertrauen, das die Leute ihr schenkten.