Ein reines, reiches Leben voller Unschuld, Tiefe und Tätigkeit tat sich vor ihm auf, und während sie sprach, wußte er: so mußte es sein, so war Sibylle, und nur so hatte sie werden können. Das entsprach ihrem Sein, ihr Wesen aber hatte sich ihm in seiner Ganzheit offenbart und intuitiv eingegraben, und wenn er immer wieder neue Fragen einwarf, so tat er es kaum, um mehr von ihr zu erfahren, denn er kannte sie ja schon, sondern um ihre holde, süße Stimme zu hören, die ihn bezauberte und beruhigte wie Brunnenplätschern und Quellengeriesel.

Traumhaft fragte Arno, während er mit Sibylle dahinschritt: »So fühlst du dich denn niemals einsam?«

Sie sah ihn sehnsüchtig an. Sich selbst erkannte sie nicht wieder. Wie ein entfesselter Strom brauste ihr Wesen frei dahin, das sonst immer so gehalten zu sein pflegte. Das macht, weil ich ihn liebe! dachte sie voll Jubels, und er hat mich ja auch lieb, und ihm allein kann ich alles, alles sagen.

»Jetzt erst weiß ich, daß ich einsam war,« sagte sie leise. »Aber dann – hatte ich ja meine Bücher. Einige davon lese ich immer und immer wieder, ich kenne ganze Seiten davon auswendig.«

Er nickte. Auch das stimmte zu ihr. Tastend fragte er weiter: »Sehnst du dich denn nie nach Menschen? Nach Standesgenossen, meine ich.«

Sibylle schüttelte langsam den Kopf. »Im Leid sind wir alle Standesgenossen, und Leid gibt's überall, nur zuviel. Ich habe auch früher niemand vermißt, weil ich ja nicht ahnte, daß ich jemals zu einem Menschen so frei reden könnte wie zu dir, denn auch Mama … kannte mich nicht, wie ich mich von dir gekannt fühle.« Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

»Nicht weinen, Liebling!« sagte er weich. Seine ganze Seele war gefangen, berauscht und zugleich geheiligt durch ihr liebliches Vertrauen. Ja, er verstand sie, weil er sie liebte – wie er sie aber liebte, durfte er ihr das sagen?

»Ja, so ist es,« plauderte sie unbefangen weiter, »ich bin ein richtiger Einsiedler. Die Leute erzählen mir von ihrem Kummer, ihrem Leide. Nach dem meinen fragen sie nicht, und ich möchte auch um alles in der Welt nicht gefragt werden. Sie meinen, ich trüge Trauer um meinen Bräutigam.«

»Aber, Herz, so könntest du doch nicht weiterleben.« Er wußte genau, daß sie es konnte.

»Warum nicht?« fragte sie unschuldsvoll. »Ich bin im Grunde sehr bedürfnislos, Arno, nur frei muß ich mich fühlen können. Und was gibt es Freieres und Schöneres als die Schnee-Einsamkeit der Berge! Da ist auch Religion, Arno. Einsam bis ins innerste Mark, fühle ich doch das Leben der Natur mit, das ich in seiner Größe und Schönheit anschauen darf. So wird die Natur ein Spiegel der Seele.«