Er war hingerissen. Fast schämte er sich, sie durch seine nichtigen Einwürfe zu veranlassen, immer mehr die Schönheit ihrer Seele zu offenbaren.
»Aber du hast ja noch gar nicht gelebt,« sagte er leise im Gefühl seiner Schuld.
Sie kniff die Augen ein und lachte glücklich. »Meinst du? Ich glaube, ich lebe nur zu intensiv. Ich habe aber auch Männer kennen gelernt, dein Regimentskamerad Zur-Linden wollte mich heiraten.«
Das hatte er nicht erwartet. »Und du?«
»Ich konnte ihn nicht lieben, wie er es wollte,« sagte sie einfach. »Ja, ich bin in einer Beziehung sehr unerfahren,« fuhr sie schelmisch fort; »außer einer kleinen Tanzgesellschaft bei Wredes habe ich noch nie einen Ball mitgemacht. Aber sind denn Bälle zum Leben nötig? Dennoch aber sagt mir ein Instinkt: dies hast du zu tun, das zu lassen. So konnte ich auch nicht Zur-Lindens Frau werden.«
Arno fühlte sein Herz beben. Was er da in den Armen hielt, war ein Wunder, sein heiliges Wunder! Er hatte es erfaßt, dennoch aber überwältigte es ihn.
»Kind –« sagte er gepreßt, »ist denn das möglich, ist es denkbar, daß ein junges Mädchen so aufwächst, in solcher Stille, solch heiligem Frieden? Hast du denn nie schlechte Menschen getroffen?«
»O,« meinte sie eifrig nickend, »mein Hauslehrer und deiner, der Herr Brandt, der war schlecht. Er hat mich beim Baden belauscht, aber ich bat ihn, seinen Abschied zu nehmen, und er tat es. So hat niemand etwas davon erfahren.«
Auch dieses Erlebnis war ihm neu, und doch schien es ihm, als kenne er auch ihre Fähigkeit der Abwehr. »So hast du auch Stacheln?« fragte er.