»Ellenlange, wenn's nötig wird. Denke nur ja nicht, daß ich keinen Willen habe und nur ein gefügiges Lamm bin, Arno. Die Leute haben immer Respekt vor mir. Jetzt aber hab' ich genug von mir geredet, nun will ich von dir hören!«
»Du weißt ja schon alles,« sagte er traurig. Dennoch begann er zu erzählen, wie sie es wollte, und ein bitterer Schmerz brannte sich dabei ihm in die Seele. Während sie wie ein Schmetterling in schöner Verklärung Friede und Freude aus des Lebens mannigfachen Blüten, den süßen und bitteren, gesogen hatte, war er wie eine Motte um flackernde Flammen getaumelt, hatte sich die Flügel versengt und die Kraft der Seele geschwächt. Ihm blieb nur noch eine Hoffnung: rein zu werden in ihrer Reinheit, stark, indem er sie schützte, und frei dadurch, daß er sich selbst befreite.
Nachdem er ausführlich berichtet, sich selbst nicht schonend, schloß er: »Den hellen Stern meiner Kindheit hatte ich verloren, mein Gewissen verhärtet und betäubt. Toll genug habe ich gelebt. Anfangs fand ich viele Freunde, mit den Jahren wurden sie seltener. Mein Beruf – nun ja, ich suche ihm zu genügen. Ein paar Avancements – was will das im Grunde sagen? Das Beste im Leben ist ja doch an mir vorübergegangen, oder ich an ihm. Äußerlichkeiten, Geselligkeit – das ist übriggeblieben. Meine Frau liebt das. Nie kommen wir dazu, gemeinsam ein gutes Buch zu lesen, wir reden eben verschiedene Sprachen. Meine einzige Stärkung ist jährlich eine einsame Fußtour in die Berge, die ich liebe wie du.«
Sie wußte und verstand ihn, noch ehe er zu Ende gesprochen. Sie sah ihn voll Trauer an. »Aber du hast ja doch deine Kleinen!« sagte sie leise.
»Das ist auch das beste, was ich bisher besaß,« erwiderte er bedeutungsvoll.
Sie versanken in ein tiefes Schweigen. Er fühlte sein Herz pochen, als wolle es ihm die Brust sprengen. Konnte, durfte er ihr von seiner Liebe sagen? Sie liebte ihn, das fühlte er mit einer Seligkeit, die ihn schwindeln machte. Keinen Augenblick hatte sie gestrebt, ihm ihr Empfinden zu verbergen – offen und klar, wie ein Gebirgssee, lag es vor ihm da. Aber folgte daraus, daß sie einwilligen würde, seine Frau zu werden? Würde sie ihm erlauben, die anderen Bande zu zerreißen? Wie hatte sie doch gesagt? »Wenn mein Gelöbnis auch auf einem eingebildeten Grunde beruhte – ein Gelöbnis war es immerhin, und das soll man halten.« Hatte sie ihm damit einen Fingerzeig geben wollen? Oder hatte sie das unbewußt hingesprochen, und war es nur einfach der Ausdruck ihres Wesens? In ihrer Hand lag sein Geschick – er war zur Scheidung, auch zur Trennung von seinen Kindern bereit – ja auch von seiner kleinen Marie-Sibylle. Aber durfte er heute schon sprechen? Er hatte ja vierzehn Tage Zeit, vierzehn goldene, endlose Tage! – Er schwieg, sie aber fühlte sein rasendes Herzklopfen.
»Was ist dir, Arno?« fragte sie sanft. »Ich bin dir doch wohl auf die Dauer zu schwer. Rasten wir ein wenig.«
Da brach es aus ihm hervor, heiß, glühend, unaufhaltsam: »O Sibylle, o Geliebtes – was sollen wir miteinander Versteck spielen? Du weißt es ja, und du mußt es in jeder Fiber fühlen: Ich liebe dich, ich liebe dich …«
Sie wurde sehr blaß. »Ich habe dich mein Leben lang geliebt,« flüsterte sie. »Du weißt es auch.«
»Und Sibylle … und … und …?« drängte er, »willst du, kannst du mein werden?«