Und er nahm sie wieder in seine Arme und trug sie heimwärts. Sie sprachen kein Wort. Ihre Seelen aber redeten miteinander ununterbrochen. – –
Es folgten nun seltsame Tage. Sibylle mußte ihres geschwollenen Fußes wegen der Ruhe pflegen; Arno besuchte sie auf der Burg und saß die Tage über bei ihr in ihrem Zimmer, oder er trug sie hinunter in den Park, wo er ihr in der breiten Hauptallee, die die Aussicht auf die Schneeberge frei ließ, ein Ruhebett hergerichtet hatte. Da saßen sie stundenlang schweigend Hand in Hand unter den schweigenden Bäumen, angesichts der hart und gewaltsam aufgetürmten grandiosen Hochgebirgskette, die Seelen voll ungesprochener tiefer Zärtlichkeit. Manchmal sah ihn Sibylle mit einem so strahlenden Blick der Liebe an, daß er bis ins Innerste in Hoffnung erbebte – es war ja nicht möglich, daß sie ihn wieder gehen hieß! Nach und nach aber wurde es ihm zur schmerzlichen Gewißheit, daß sie gerade um der Größe ihrer Liebe auf ihn verzichten werde. Sie konnte ruhig, fast heiter mit ihm reden. Sie sprach von ihren Lieblingsbüchern, bat ihn, das oder jenes zu lesen, erzählte mit freundlicher Selbstironie von ihren naturwissenschaftlichen und medizinischen Studien, sie berührte die höchsten und tiefsten Dinge mit schlichtem, wahrheitsuchendem Ernste, aber Tag für Tag sah er, daß sie feiner, blasser und zarter wurde, daß sie gleichsam dahinschwand in einer seelischen Verklärung. Manchmal fühlte er, daß sie zum Sprechen ansetzen wollte und doch wieder innehielt, weil sie die Kraft in sich nicht fand, oder weil sie die kostbaren Stunden weder ihm noch sich zu verkürzen wagte.
So war ihnen jede Minute ihres Beisammenseins zum Kleinod geworden, das sie hüteten wie einen Schatz, der ihnen unter den Händen zergehen könnte wie ein Tropfen Wassers, ein Hauch, ein Klang …
Qualvoll-süße, selige Stunden waren es, aber wie sie auch die Augenblicke festzuhalten, wie sie sie auch in heiligem Schweigen zu verlängern strebten – diese Augenblicke schwanden unaufhaltsam, unwiederbringlich dahin. –
Zwei Tage vor der angesetzten Zeit seiner Abreise saßen sie wieder Hand in Hand, stumm vor seligem Leid. Arno sah, daß Sibylle mehrmals die Lippen öffnete und tief Atem schöpfte. Aber ihre Lippen erzitterten immer wieder, und sie schwieg. Er sah, wie sie litt. Um ihretwillen mußte der Qual ein Ende gemacht werden. Er kniete vor ihr nieder, nahm ihre beiden Hände, küßte sie und legte ihre Fingerspitzen auf seine Augenlider.
»Sprich, mein Liebling!« sagte er sanft, »ich bin gefaßt.«
Es kam kein Ton als ein schwerer, leidvoller Seufzer, dann einige unverständliche Flüsterworte. Er wartete, wie man auf den Todesstoß wartet.
»Arno, Geliebter –« begann sie, als sie ihre Stimme gefunden hatte, »ich habe die Tiefe meiner Liebe erkannt; sie ist wie das Himmelsgewölbe, sie reicht so weit, daß ich selber eher alles Leid und jeden Schmerz auf mich nehmen könnte, als das Bewußtsein, dich mir weniger groß, weniger stark und frei zu denken. Das Bittere ist nur, daß du leiden sollst …«
»Süße … Süße …!« stammelte er.
»Du sollst dir nie vorzuwerfen haben, deinen Kindern nicht ein Vorbild gewesen zu sein, nie sollst du dich einer unerfüllten Pflicht wegen anklagen dürfen. Ich danke dir – mit meinem ganzen Leben, mit jedem Atemzuge für deine Liebe, Arno, aber wir zwei wollen nichts halb tun – nicht wahr?«