Sie konnten voneinander nicht lassen.

»Mein … mein … du meine Seele – du mein Glück und mein Leid,« murmelte er.

»Du ganzer Mensch – ich will deiner wert zu werden suchen.« Mit einer kleinen, fernen Stimme sagte sie noch: »Arno, wenn dein Junge einmal groß ist, schick ihn zu mir – ja, willst du?«

Er erhob sich schwankend – er sah sie noch einmal an, noch einmal streckte sie ihm die Hände entgegen, noch einmal suchte er ihren Mund – dann ging er. – Die Bäume schauerten zusammen, die Berge leuchteten. – –

Sibylle hat ihn nie wiedergesehen. Jahre kamen und gingen, und sie wuchs und erstarkte in ihrer Seele. Sie entfaltete sich wie eine Wunderblume. Wie ein freundliches Gestirn sandte sie ihre Strahlen in Nacht und Dunkel an Kranken- und Sterbebetten. Wo es Leid zu tragen und Wunden zu heilen gab, war sie zur Stelle; wo es zu raten, zu helfen, zu lindern galt, fand sie sich ein; wo man der Mitfreude bedurfte, da konnte man gewiß sein, ihrem freundlich-gütigen Lächeln zu begegnen. Wenn aber jemand über Sünde und Schuld richtete und hart verurteilte, die gefehlt hatten, da war sie es, die zur Milde ermahnte. »Wir stehen allesamt an der Schwelle der Schuld,« sagte sie dann; »es weiß keiner, ob er nicht schon diese Schwelle übertreten hat. Niemand hebe den ersten Stein!« Die Leute im Dorfe nannten sie oft kopfschüttelnd ihre Heilige. Gegen Kummer, Kränkungen und Leid jeder Art schien sie fortan gefeit zu sein – es gab ja nichts mehr, wodurch man sie hätte leiden machen können. – Mitten im Winter, am Datum ihres Geburtstages, am 9. Dezember, legte sie plötzlich ihre Trauergewänder ab und ging fortan in ihren lichten weißen Kleidern wie vor dem Tode ihrer Eltern. Die Leute zerbrachen sich die Köpfe über diese freudige Wandlung; die alte Kastellanin hatte den Grund vielleicht erraten, aber sie nickte nur mit dem greisen Kopf und schwieg. Sibylle hatte an diesem Tage zwei Pakete aus Berlin erhalten; in dem einen war ein Buch: »Goethes Briefwechsel mit einem Kinde«, aus dem anderen fielen duftende Stiefmütterchen, das Wort »Pensées« stand auf einem Zettel.

Geliebt, auf Händen getragen von ihrer Umgebung und dennoch gänzlich vereinsamt, lebte sie dahin, Jahr um Jahr, und sie freute sich wie ein Kind, als sie ihr erstes weißes Haar entdeckte. Ihr Leben ward in seiner scheinbaren Einförmigkeit so reich und vielfältig, daß sie es nicht hätte gegen irgendein anderes eintauschen wollen. Alle Jahre zweimal aber hatte sie besondere Festtage: das eine Mal an ihrem Geburtstage, wo sie immer wieder einen Strauß Stiefmütterchen oder weißen Flieders und ein gutes Buch erhielt, das zweite Mal an dem Datum ihres Wiedersehens mit Arno im Mai. Da brachte ihr die Post einen Strauß Alpenblumen, Edelweiß und Veilchen, oft als Gruß aus nächster Nähe, und sie wußte, Arno streifte dann einsam durch die Dolomiten, seine innere Heimat – sie – mit der Seele suchend.

Sie begann sich im heißen Sommer auf den Silbergarten des Winters zu freuen und im Winter auf den Mai, der ihr in seinem zarten Frühlingsgewande fast ebenso lieb geworden war. In ihrem tiefsten Innern aber hatte sie sich einen eigenen Silbergarten gezogen, den sie vor fremden Blicken zu wahren und zu hüten wußte. Hier träumten Wunderbäume, ihre heiligsten Erinnerungen, bereift und seltsam, schauten nach innen und harrten der Zeitlosigkeit entgegen. Die goldenen Tore des äußeren Lebens hatten sich für Sibylle früh geschlossen, andere goldene Tore aber taten sich weit und lockend auf. Gestorben war sie, um zu werden.

Einmal war sie auch wieder nach Wangen gefahren, aber sie blieb dort nur kurze Zeit. Der Vormund schlug ihr nun selbst vor, das Gut zu verkaufen, da er einen zahlungsfähigen Käufer gefunden hatte. Sie aber schüttelte mit einem leisen Lächeln den Kopf. »Ich habe meine Verfügungen darüber schon anders getroffen,« sagte sie freundlich.

Das Erbgut ihrer Eltern vermachte sie testamentarisch Arnos Sohn und der kleinen Marie-Sibylle.

Der alte Pastor schüttelte bekümmert das Haupt. »Sie hatte alle Anlagen zu einer echten Christin,« meinte er, »aber ihre Verinnerlichung und Umdichtung der Natur ist doch wohl nicht der direkte Weg zum Heil.« Und zu Sibylle sprach er, als er von ihrer Tätigkeit hörte: »Martha, Martha, du machst dir viele Mühe.«