So war sie einsam, wie sie als Kind gewesen, einsam bis ins innerste Mark, doch nicht allein. Sie hatte ja doch ihren köstlichen Silbergarten, und da träumten hohe, schlanke Bäume und dufteten, leuchtete glanzerfüllte Stille. – –

Der 18. Mai war gekommen. Sibylle saß in festliches Weiß gekleidet in ihrer tiroler Heimat in ihrer Lieblingsallee, einen köstlichen, taufrischen Strauß Alpenblumen vor sich, den ihr die Post soeben gebracht hatte.

Da trippelte die alte Kastellanin freudig erregt auf sie zu. »Es ist ein junger Herr da, gnädig Fräulein,« sagte sie geschäftig, »der fragt nach gnädig Fräulein.«

Sibylle öffnete weit die Augen – ein schöner, schlanker Knabe von etwa fünfzehn Jahren kam eilends über den Gartenkies gelaufen und schwenkte seine Touristenmütze.

»Tante Sibylle! Liebe Tante Sibylle!« rief er von weitem. Er trat vor sie hin, groß, braun, feurig, und küßte ihr ritterlich die Hände.

»So bist du Arnos Sohn!« sprach sie mit zitternder Stimme. Sie legte ihm die feinen Hände auf die Schultern und sah ihm tief in die Augen. »Arnos Augen!« murmelte sie.

Der Knabe stand betreten. Eine heilige Ahnung mochte seine junge Seele durchrieseln.

»Mein Vater –« er stockte, »wir sind auf einer Gebirgstour – die Blumen hat er alle selbst gepflückt … ich darf vierzehn Tage bei dir bleiben, wenn du mich magst.«

»Mein lieber Junge,« sie schloß ihn in ihre Arme, »wenn du bei mir bleiben magst!«