Der Stein des Pietro.

In Quinto bei Genua, dort, wo sich der Weg nach Nervi zu gabelt, lag vor einigen Jahren noch ein mächtiger Quaderstein. Rauh war seine Oberfläche und ein wenig schartig, wie das pockennarbige, mitgenommene Gesicht eines älteren Mannes, der auch sonst vom Leben nicht allzusehr geschont worden war. Die Unbilden der Witterung, sowohl die sengende Glut italienischer Sommer wie die andauernden Regenperioden und die heftigen Stürme des Mittelmeeres, hatte er seit vielen, vielen Jahren über sich ergehen lassen müssen. Dennoch stand er so bieder, so fest und treuherzig da wie am ersten Tage, da ihn ein unbekannter Zufall auf diesen Platz gestellt haben mochte.

Zu welchem Zweck und aus welcher Ursache er hierhergekommen war, danach fragte niemand; genug, er stand nun einmal da, trotzig und unentwegt, und diente bereits seit grauen Zeiten den Wanderern als willkommener Ruheplatz, den Fremden als orientierendes Merkmal, den spielenden Kindern, die lachend auf ihm herumzuklettern pflegten, als freundlich stummer Gefährte.

Vor vier, fünf Jahren etwa kam ein sonnengebräunter, fremder Gesell des Wegs gezogen, einen Basthut im Nacken, einen derben Stock in der Hand, einen abgenutzten Ranzen auf dem Rücken. Er kam von Genua und mußte seiner Kleidung nach von weit her sein.

Düster schaute er aus brennend schwarzen Augen geradeaus. Das magere, braune, fest umrissene Gesicht war von wenigen, aber tiefen Falten durchfurcht, die Zeit und einförmiger Kummer hineingegraben haben mochten. Von den Nasenflügeln an den Mundwinkeln vorbei gruben sich wie vielbenutzte, einsame Fahrstraßen harte Linien und verliefen erst unter dem festen Kinn. Auch die schön gewölbte Stirn zeigte Furchen und Rinnsale, die sich über den beweglichen Augenbrauen in scharfen, bogenförmigen Strichen zeichneten.

Als habe das Leid sich nicht genuggetan in der Ausmeißelung dieser schmerzlichen Züge, hatte es auch noch zwei finstere, tiefe Rinnen von den Augenwinkeln quer über die Wangen gezogen. Ein dunkler Schnurrbart verschleierte einen feinen, träumerischen Mund, über den sich eine starke, hagere Nase buckelte, als erhebe sie energischen Protest gegen alle weicheren Regungen. Es war ein einsames, schwermütiges Gesicht.

Rüstig wanderte der Mann vorwärts und begleitete seinen Schritt mit dem taktmäßigen Aufschlagen seines Stockes.

Seine Gangart war noch jugendlich. Er mochte in der Mitte der vierziger Jahre stehen. Als er den großen Quaderstein von weitem erblickte, leuchtete es hell auf in seinen durchfurchten Zügen.