»Nur dieser Alte hat noch das gleiche Gesicht.«

Regungslos blieb er eine Weile sitzen. Seine hagere Gestalt war in sich zusammengesunken.

Die Kindheitserinnerungen gaukelten ihm lichte, freundliche Bilder vor die Seele.

Drüben an Stelle des fünfstöckigen, kasernenartigen Gebäudes hatte die kleine Osteria seines Vaters gestanden mit weinumranktem Laubengang. Sein freundliches Erbe.

Als kleiner Junge war er dem dicken Vincenzo, der hier täglich seine zwei Liter Chianti einzunehmen pflegte, auf den Schoß geklettert und hatte aus seinem Glase genippt, und der feiste Alte hatte lachend gesagt: »Jetzt bist du bei mir zu Gast, Pietro; aber wenn du groß bist, komm' ich zu dir und trink' meinen Chianti umsonst. Für die alte Kundschaft hätt' ich's verdient, mein' ich.«

Und der kleine Pietro hatte ernsthaft genickt und gesagt: »Aber die Annunziata bringst du dann immer mit, Vincenzo?«

Die kleine Annunziata war des alten Vincenzo Enkelin und sein Augapfel, ein zierliches, elfenhaftes Ding mit großen, frommen grauen Augen.

Um Annunziatas Gunst hatte es mit den Nachbarskindern Emilio und Giovanni in späteren Jahren blutige Schlägereien gegeben. Wenn Pietro mit zerschundener Nase und trotziger Schweigsamkeit von der Straße ins Haus kam, lachte seine Mutter und sprach: »Die Hexe mit den Madonnenaugen hat euch wohl wieder aneinandergehetzt? 's geschieht euch recht, warum seid ihr solche Narren!«

Später, als Pietro beim Marmorarbeiter Lukkoli in die Lehre trat und täglich nach Nervi hineinwanderte, geschah es, daß Annunziata mit ihrem Blumenkorbe dieselbe Straße zog. Aber sie ging stets auf der anderen Straßenseite und sprach kein Wort. Nur unter den langen, seidenen Wimpern warf sie ihm einen Blick von der Seite zu – einen Blick, der sich wie glühendes Eisen in seine Seele brannte. An der Ecke, wo ihre Wege sich trennten, griff sie mitunter in ihren Blumenkorb und warf dem hübschen Gesellen mit koboldartigem Lachen einen Veilchenstrauß zu. Dann war der Tag voll Sonne für Pietro, auch wenn die grauen Wolken trübe niederhingen. Hoffnungen und Wünsche wurden in ihm groß, vor deren Seligkeit er selber erschrak, ja einmal fand er den Mut, Annunziata um eine rote Nelke zu bitten. Sie aber schüttelte lachend ihr schwarzlockiges Haupt, und nun blieben auch die Veilchenspenden aus.

Er hatte gesehen, mit leibhaftigen Augen gesehen, wie sie dem langen Giovanni, der einst dicht hinter ihr herschritt, ein Veilchensträußchen wie unversehens vor die platten Füße fallen ließ. Von nun an haßte er den langen Giovanni wie seinen Todfeind und suchte Händel mit ihm, wo er konnte. Barkenführer war der, und sein Geschäft war, die Fremden ins blaue, schillernde Meer hinauszurudern. Sonst aber lag er stundenlang faul auf dem Rücken und ließ sich die Sonne ins Gesicht scheinen.