Ihre eingesunkenen Augen füllten sich mit Tränen. Scharf zeichnete sich unter der blaßgelben Haut der feine Backenknochen.

»Nein – davon habe ich kein Wort gehört.«

»Es ist so – leider!« erwiderte die Freifrau wehmütig. »Arno soll aufs Gymnasium, ich unter die Obhut der Ärzte und vor allem – meinen Mann zieht's nach Berlin. Nun, hoffentlich findet sich sobald kein Käufer!« schloß sie mit einem leichtsinnigen Lächeln, das sie sehr verjüngte, »denn unter uns gesagt, Beste, die Männer lieben es, ihren eigenen Wünschen das Mäntelchen eines Opfers für die Gattin umzuhängen. Gott, ich fühle mich ja eigentlich ziemlich wohl – das böse Husten, das sich im Frühjahr immer regelmäßig einstellt, das werde ich auch in Berlin behalten.«

»Sillchen, geh jetzt nach oben zum Fräulein,« sagte die Gräfin freundlich.

Das Kind, das in den letzten Augenblicken ganz blaß geworden war, verbeugte sich und bog den Kopf zurück, um sich von der Freifrau auf die Stirn küssen zu lassen, dann glitt es aus dem Zimmer. Die Freifrau verfolgte die zierliche Gestalt mit den Blicken.

»Was ist Ihre Silly für ein liebliches kleines Wunder!« sagte sie enthusiastisch. »Ich war vorhin ganz frappiert, als Sie mit ihr hereinkamen. Einen Charme hat sie, um den manche Prinzessin sie beneiden dürfte!«

»Vor allem ein gutes, reines Herzchen, aber leider auch eine allzu große Empfindsamkeit und – eine Phantasie, für die es keine Grenzen gibt. Ich freue mich von ganzem Herzen auf unsere jungen Gäste und hoffe viel von dem gesunden Einfluß Ihrer Kinder!«

Die Freifrau erhob sich und stand lang und schmal der Gräfin gegenüber. Sie streckte ihr herzlich beide Hände entgegen. »Nochmals vielen, vielen Dank!« sagte sie bewegt. »Auch in Fritzens Namen. Und Ihrem Gatten die schönsten Grüße. Auf Wiedersehen also im Sommer, liebe Gerda!« – –

Es war zwei Wochen später.

»Du, Arno, ich … ich möchte dir etwas zeigen!« flüsterte Sibylle eines Morgens, »komm mit mir ins weiße Zimmer, aber so, daß es Elisabeth nicht merkt, ja, willst du?«