„Gut, Wynn. Das ist die letzte Antwort, die ich haben wollte. Übrigens habt Ihr alle brav geantwortet. — Ich will Euch jetzt noch zwei Aussprüche eines gelehrten Mannes vorlesen, welche hierzu passen. Der erste ist sehr kurz und lautet: ‚Am Tage des Gerichtes will ich lieber von Gott gerichtet werden, als von meiner eigenen Mutter.‘ Der andere ist über den Tod des Sünders: ‚Gott ist gegen jegliche Seele unendlich barmherzig. Was aber diejenigen angeht, die nicht zum Heile gelangen, so glaube ich, daß Gott zu Zeiten förmlich seine Vaterarme um diese Seelen schlingt und ihnen durch die Dunkelheit des Sündenlebens mit dem Strahlenauge seiner Liebe ins Antlitz schaut, so daß nur ihr überlegter böser Wille sie aus seinen Armen loszureißen vermag.‘ In diesen Worten habt Ihr ausgesprochen, wie unendlich, wie überaus zärtlich die Güte und Barmherzigkeit Gottes ist.“

Die ganze Unterhaltung lebte jetzt in Prescotts Geiste wieder auf. Erst jetzt dämmerte ihm das rechte Verständnis und er fing an, es begreiflich zu finden, wie damals, da Lehrer und Schüler sich so unmittelbar der tröstlichsten aller religiösen Wahrheiten gegenüber sahen, eine geheimnisvolle Ruhe gleich dem Frieden des Himmels von dem ganzen Raume Besitz nahm.

Noch an eine andere Unterhaltung erinnerte sich der Verlassene, während seine Arme und Beine bereits zu erstarren anfingen: an das Gespräch, das er am Morgen nach der Geistererscheinung mit Percy gehabt. War hier wirklich ein Engel bei ihm, sein eigener Engel? — Ein ganz unbekanntes Empfinden durchströmte ihn. Zum erstenmale seit langer Zeit redete er wieder zu seinem Gott und seinem Engel, und ein herzlicher Akt der vollkommenen Reue führte den verlorenen Sohn zum Vater zurück. Während er dann vor dem Allbarmherzigen sein Leid und seine Liebe aussprach, ihm dankte, daß er ihn auf so hartem Wege zu besserer Erkenntnis geführt, gewann die Kälte immer mehr Gewalt über seine Glieder, bis sie seinen ganzen Körper wie mit eisigen Banden einschnürte und dem Reuigen das Bewußtsein raubte.

Als er die Augen wieder aufschlug, sah er P. Middleton, der sich sorgenvoll über ihn beugte. Er befand sich in einer kleinen ländlichen Behausung. Neben dem Bette, in dem er lag, standen die Hausfrau und ein Arzt.

„Gott sei Dank, Martin, daß Du noch lebst. Der Herr Doktor sagt, wenn ich Dich eine Stunde später gefunden hätte, so wärest Du vielleicht nicht mehr zu retten gewesen.“

Auf ein Zeichen des Arztes näherte sich jetzt die Frau und reichte dem Kranken eine Schale mit kräftiger Fleischbrühe.

„Der arme Junge!“ flüsterte sie, als sie zurückgetreten. „Aber sein Gesicht ist jetzt anders geworden. Er sah viel sanfter und friedlicher aus, als ihn der Pater brachte.“

Auch P. Middleton hatte diesen Wechsel in Prescotts Zügen wahrgenommen.

„Er muß gebetet haben, als er die Besinnung verlor,“ war seine Erklärung, und sie entsprach der Wahrheit. Der Wandel, den die vollkommene Reue in Prescotts Seele hervorgebracht, hatte sich auch seinem Antlitz mitgeteilt. Sobald jedoch die Besinnung wiederkehrte, trat die frühere Angewöhnung in ihr längst erobertes Recht, und der edle Ausdruck eines Betenden wich den Mienen eines Knaben, der seit Jahren kaum je eine bessere Regung in sich hatte aufkommen lassen. Jahre edleren Denkens und Handelns mußten erst vergehen, bevor die frühere Roheit aus diesen Zügen verschwand.

Seine Gesinnung freilich war schon jetzt eine andere geworden. Der Knabe, der hier voll Verwunderung in P. Middletons gütige Augen emporsah und sich bemühte, alles, was um ihn vorging, zu reimen, war nicht mehr der Knabe von gestern. Der Prescott von gestern war wirklich tot.