„Ein gutes Viertel des Weges! Gott sei Dank! Jetzt mutig ans zweite!“
Mit einem neuen, innigen Gebete zu seinem Engel, den er mit dem Auge eines lebendigen Glaubens sich gegenwärtig sah, setzte er sich wieder in Trab.
Aber dieses Mal verließen ihn die Kräfte viel schneller. Um seine Leiden und Befürchtungen zu erhöhen, machte sich auch die frühere Lähmung wieder fühlbar. Jeder Schritt verursachte ihm Schmerzen. Sein Gesicht glühte vor Anstrengung und war von Schweißtropfen ganz bedeckt. Aber die krampfhaft zusammengepreßten Lippen und der feste, entschlossene Blick zeigten deutlich, daß ein starker, männlicher Wille in diesem schwachen Körper wohne. Jeder Schritt kostete Mühe und Pein, aber jeder Schritt wurde auch aufgeschrieben an jenem Orte, zu dem Pein und Müdigkeit keinen Zutritt haben, weil er der Wohnplatz ungestörten Friedens und seliger Ruhe ist.
Percys Schmerzen nahmen mit jeder Minute zu. Bald quollen ihm die Thränen aus den Augen und rollten die Wangen herab. Aber jetzt war es zum Umkehren schon zu spät. Jetzt konnte nur noch er, er allein, Tom und Harry retten. Und doch, wie heftig drängte es ihn, sich niederzulegen! Wie einladend erschien seinen Augen das verdorrte, herbstliche Gras!
„O, ich komme nicht weiter!“ dachte er. „Aber wenn ich nicht weiter komme, werden Tom und Harry — nein, ich halte aus! Vorwärts! So lange ich nicht umfalle, gehe ich voran!“
Abermals begann er zu laufen, und merkwürdigerweise hielt er jetzt länger aus, als das erste Mal, obgleich ihm der Schmerz einen Seufzer um den andern entpreßte.
Ein heftiger Luftstoß von Norden traf ihn, ergriff seinen Hut und führte ihn wirbelnd weg. Der Wind begann sein gefühlloses Spiel mit Percys Lockenhaar zu treiben; bald schlug er es ihm vor die Augen, bald ließ er es lang in der Lust flattern. Aber darauf konnte der Knabe nicht achten. Es galt ja Tom und Harry zu retten.
Ist das noch Mamas Herzkäferchen von Anfang des Schuljahres? Derselbe, der meinte sterben zu müssen, wenn er weiter als zwanzig Minuten gehe? Er ist es und ist es nicht. Diesen Opfergeist brachte er schon aus dem Elternhause mit; allein seine Körperkräfte hätten damals nicht ein Dritteil dieser Anstrengungen zu leisten vermocht.
Eine starke halbe Stunde war er nun schon unterwegs. Da stieß er in seinem peinvollen Laufe mit dem Fuße an einen Stein, daß er wankte und hinstürzte. Schwindel überkam ihn, und zugleich stieg das blinde, aber sehr mächtige Verlangen in ihm auf, liegen zu bleiben, wo er lag. Der Kopf sank ihm zur Erde; die Augen schlossen sich; er war beinahe bewußtlos. Tom und Harry schienen verloren. Da erschauerten plötzlich seine Glieder — vielleicht von der Kälte des nahenden Abends; er schlug die Augen auf, das Bewußtsein kehrte zurück.
„O Maria, hilf!“ stöhnte er.