Diese Landschaft war so rein, so traumhaft klar, daß sie die Wimpern der Schäfchen angesilbert hatte, als sie hineingeglitten war in das Gold ihrer Augen. Darin schien
alles so durchsichtig, daß man tief in ihrem Wasser, so deutlich enthüllten sich die Umrisse, die gelbgestreiften Kalkgipfel zu erblicken vermeinte. In die Teppiche der Buchen- und Tannenwälder waren Blüten eingewirkt, von Reif, von Himmel und von Blut, und der sanfte Wind, wenn er darüber hinweggeweht hatte, zog noch leichter, noch bedufteter, noch eisesklarer von dannen.
Gleich einer blauen Meerflut wallten die köstlichen Kegel der Bäume hoch, mit verflochtenem Silbertang. Abwärts von den felsigen Zähnen des Gebirges dampften Wasserfälle. Und auf einmal blökten die himmlischen Herden Gott entgegen; die verzückten Schellen weinten um den Schatten der Farnkräuter. Und das dunkle Wasser der Grotten brach sich im Licht.
Gelagert unter wilden Lorbeerbüschen erschien das wiedergewonnene Lamm der Bibel. Seine Pforte ruhte auf seinem Mund und blutete noch. Seine Wege waren hart gewesen, bald aber sollte es an dem leicht gesäuerten Zucker der Myrten wieder gesund werden. Schon zitterte es bei dem Laut seiner zerstreuten Gefährten.
Einziehend in dieses gelobte Land, ihren bleibenden Aufenthalt, gewahrten die franziskanischen Schäfchen das Lamm aus der Fabel des Lafontaine, wie es unter Vergißmeinnicht an der spiegelhellen Welle graste. Nicht mehr stritt es mit dem Wolf des Gedichtes. Es trank, und das Wässerlein wurde nicht trübe davon. Die ungefaßte Quelle, für das Gefühl durch einen zweihundertjahrlangen
Epheu-Schatten verdüstert, strömte über den Rasen hin ihre zerbrochenen Wellchen und, fortgerissen mit ihrem Glitzern, das schneeige Beben des Lammes.
An den Halden der Glückseligkeit hochhängende Schafe, die Schafe sahn sie jener Helden des Cervantes, die aus Liebesgram alle wegen ein- und derselben Schönheit ihre Stadt verlassen hatten, um in der Ferne ein Hirtenleben zu vollbringen. Die Stimmen dieser Tiere waren die allersanftesten: Stimmen von Herzen, die insgeheim ihr eigenes Leiden lieben. Sie schlürften von den Quendelbeeten die immer neuen brennenden Tränen, die ihre bukolischen Dichter wie Tau hatten fallen lassen aus dem Kelche der Augen.
Am Rande dieses Paradieses erhob
sich ein undeutliches Geräusch gleich dem unendlichen Wellenschlag. Es war der Flöten und der Klarinetten immer wieder stockendes Schluchzen, ein Rufen, von den Abgründen zurückgeschnellt, Gebell der unruhigen Hunde, der Sturz eines umgrünten Steines ins Leere. Es war der Schwall der Wasserfälle hoch über den tosenden Wildbächen. Wie die Sprache war es eines Volkes auf dem Wege zu seinem gelobten Land, namenlosen Weintrauben entgegen, brennenden Dornbüschen entgegen, Laute, untermischt mit dem Aufschrei trächtiger Eselinnen, die die Last der vollen Milchkannen trugen und die Hirtenmäntel und das Salz und den schieferig abblätternden Käse.
Das vierte Paradies, in seiner fast unbeschreiblichen Nacktheit, gehörte den Wölfen.