Auf dem Gipfel eines baumlosen Berges, in der Öde des Windes, in durchdringenden Nebeldämpfen, genossen sie des Glückes der Märtyrer. Sich also verlassen zu fühlen, empfanden sie als eine herbe Freude und ebenso dies, daß sie niemals länger als einen Augenblick lang — und unter welchen Qualen! — ihrem Blutdurst hatten entsagen können. Sie waren die Enterbten mit dem ewig unverwirklichtem Traum. Schon seit langem konnten sie nicht mehr heran an die himmlischen Lämmer, deren blanke Augenwimpern in dem grünen Lichte auf- und niederschlugen. Und dann, da keines dieser Tiere starb, durften sie auch nicht länger den Leib

erwarten, daß ihn der Schäfer ihnen hinwürfe an den immer lachenden Bach.

Und die Wölfe hatten sich bescheiden gelernt. Ihr Pelz, rauh wie ihr Fels, war zum Erbarmen. Eine Art von kläglicher Größe herrschte an dem seltsamen Ort. So tragisch, so unselig wirkte ihr Erlöstsein — man hätte sie, o Mitgefühl!, selbst wenn man sie beim Lämmermord ertappte, auf die Stirne küssen mögen, voll Zärtlichkeit, diese armen Fleischfresser. Die Schönheit ihres Paradieses, wo nun auch der Herzenswolf des Franziskus Wohnung nahm, war in der Trostlosigkeit beschlossen und in der hoffnungslosen Verzweiflung.

Über dieses Gebiet hinaus aber erstreckte sich der Tierhimmel ins Unendliche.

Drittes Buch

Der Hase nun, der hatte beim Anblick der himmlischen Hundeschar klüglich das Panier ergriffen. Solange Franziskus bei ihm war, glaubte er an Franziskus. Bald aber, und wenn auch in den Gefilden der Seligen, hatte seine mißtrauische Bauernnatur wieder Gewalt über ihn gewonnen. Und da er sich hier nicht so recht in seinem Paradies fühlte, weder eine vollkommene Seligkeit auskostete, noch den Reiz der bekannten Gefahr, gegen die man ankämpfen konnte, war er irre geworden.

Er lief also hin und her, mit Unbehagen, er kannte sich nicht aus, fand sich nicht zurecht und suchte vergebens, was er doch immer wieder floh und was ihn geflohen hatte. Was war das nur? War denn der

Himmel nicht das Glück? Wo mochte die Stille noch stiller sein? In welchem andern Nest hätte der Spaltnasige einen unbedrohten Schlaf besser träumen können als in diesen wollenen Wiegen, die der Windhauch hinbreitete unter das beblütete Strauchwerk der Sterne?

Doch schlief er hier nicht, ihm fehlte die Unruhe und noch manches andere. In den Gräben des Himmels hockend, spürte er unter dem weißen Fleck seines Stummelschwanzes nicht mehr, wie ihn die Feuchtigkeit mit Schauern durchdrang. Die Mücken, weit weg in ihrem Teichparadies, gewährten seinen immer offenen Augenlidern nicht länger das beizende Brennen des Sommers. Wohin war dieses Fiebern geschwunden? Sein Herz schlug nicht mehr mit

jener Kraft von ehemals, wenn auf den Kuppen der flammendroten Heiden das Feuerrohr einen Erdregen um ihn herum versprühte. Unter der weichen Liebkosung des Rasens sproßte ihm sein sonst spärliches Haar aus den Schwielen der Pfoten. Und er begann den Überfluß des Himmels zu bedauern. Ihm war wie dem Gärtner, der, König geworden, purpurne Sandalen tragen muß und sich seine Holzschuhe zurückwünscht, mit ihrem Schwergewicht von Lehm und Armut.