Und Franziskus in seinem Paradies erfuhr von den Bedrängnissen des Hasen und von seiner Verwirrung. Und sein Herz litt darunter, daß einer seiner alten Genossen nicht glücklich war. Seitdem schienen ihm die Gassen des himmlischen Dorfes, seines Wohnortes, nicht mehr so friedlich, die abendlichen Schatten nicht mehr so milde, nicht mehr so weiß der Atem der Lilien, nicht mehr so heilig der Schein des Werkzeugs in den Schuppen, nicht mehr so hell die singenden Krüge, deren Wasser in frischen Garben auseinanderstrahlte, kühlespendend über die Leiber der Engel, die an den Brunnenrändern saßen.

Also begab sich Franziskus zum lieben Gott, und er empfing ihn in seinem Garten bei sinkendem Tag. Es war dieser Garten Gottes der einfachste und schönste. Woher das Wunder seiner Schönheit kam, war unerklärlich. Vielleicht wuchs darin nichts anderes als die Liebe. Über die Mauern, ausgekerbt von den Weltaltern, wucherte dunkler Flieder. Entzückt trugen die Steine ihre lächelnden Moose, deren goldne Köpfchen an der schattigen Brust der Veilchen sogen.

In einem zerstreuten Schimmer, der nichts von Morgenlicht noch von Abenddämmerung an sich hatte, denn er war noch zarter als diese, inmitten eines Beetes blühte ein blauer Lauch. Ein Geheimnis umgab die blaue Kugel seines Blütenstandes,

der sich unbewegt in sich verschlossen hielt auf seinem hohen Stengel. Man begriff, daß diese Pflanze träumte. Wo von wohl? Vielleicht von dem Werk ihrer Seele, die am Winterabend in dem Topfe summt, worin die Suppe der Armen kocht. O göttliches Los! Nicht weit von den Buchsbaumzäunen strahlten die Zungen des Lattichs lautlose Worte, während ein gedämpftes Licht um den Schatten entschlafener Gießkannen lag. Ihre Arbeit war getan.

Und zu Gott, voll heitern Vertrauens, nicht hochmütig noch kriechend, erhob ein Salbei sein geringes Rüchlein.

Franziskus setze sich neben Gott auf eine Bank unter eine mit Efeu umwachsene Esche. Und Gott sprach zu Franziskus:

„Ich weiß, was dich herführt. Man soll nicht sagen, daß hier einer, Hase oder Milbe, sein Paradies nicht finde. Geh also zu dem Schnellfüßigen und frage ihn, was er begehrt. Und sobald er es dir gesagt hat, will ich es ihm gewähren. Wenn er nicht wie die andern zu sterben und zu entsagen verstanden hat, gewiß, so war es, weil sein Herz allzusehr an meiner geliebten Erde hängt. Denn, o Franz, gleich diesem Langohr liebe ich die Erde mit einer tiefen Liebe. Ich liebe die Erde der Menschen, der Tiere, der Pflanzen und der Steine. Franz, suche den Hasen auf und sage ihm, daß ich sein Freund bin.“

Und Fransiskus schritt auf das Paradies der Tiere los, das, von den jungen Mädchen abgesehn, niemals vorher ein Menschenkind betreten hatte. Dort fand er den Hasen untröstlich umherirren; sowie aber das Tier seinen alten Herrn auf sich zukommen sah, verspürte es eine so große Freude, daß es sich niederhockte, die Augen erschrockener als je, die Nase kaum merklich zitternd.

„Sei gegrüßt, mein Bruder,“ sagte Franziskus. „Ich habe dein Herz klagen gehört, und ich bin gekommen, den Grund deiner Betrübnis zu erfahren. Hast du zu viel bittere Körner gegessen? Warum genießest du nicht den Frieden der Tauben und der ebenso weißen Lämmer . . .? O Mäher hinter der Ernte, was suchest du also unruhig hier, wo doch keine Unruhe

mehr ist und wo du niemals wieder das Keuchen der Rüden fühlen wirst, wie sie herjagen hinter deinem Landstreicherfell?“