Nichts lockte ihn, ehe nicht die Zeit gekommen war, wo er von selbst ausging. Seine Weisheit war eins mit den Dingen. Das Leben war ihm ein Tonwerk, und jeder Mißklang riet ihm zur Vorsicht. Er verwechselte niemals das Geläute der Hunde mit einem fernen Glockenschall; auch nicht die Bewegung des Menschen mit der des wehenden Baumes; den Knall des Gewehrs und den des knatternden Blitzes; den Blitz und das Rollen der Karren; den Ruf des Sperbers und die Dampfpfeife im Dorfe. So gab es eine ganze Sprache, und ihre Wörter waren ihm bekannt als Feinde.

Wer in der Welt hätte zu sagen vermocht, woher Langohr diese Klugheit und solches Wissen besaß? Keiner wohl, und keiner kennt ihre geheimen Wege. Denn sein Ursprung verliert sich in der Nacht der Zeiten, wo die Geschichten alle eins sind.

Kam er vielleicht aus der Arche des Noah, vom Berg Ararat, an dem Tage, da die Taube, die in ihrem Gurren noch heute das Rauschen der großen Wasser bewahrt, den Ölzweig brachte, das Zeichen, daß die Flut abnahm? Oder war er, so wie er ist, geschaffen worden, der Kurzschwanz, der Strohpelz, die Spaltnase, der Langohr, der Graustrumpf? Die Hand des Ewigen, hatte sie ihn fertig unter die Lorbeeren des Paradieses gesetzt?

Gelagert unter einem Rosenstrauch, hatte er vielleicht Eva belauscht?

Wie sie sich bäumte gleich einem Füllen, zwischen den Schwertlilien die Anmut ihrer gebräunten Beine auf und nieder führte und vor den verbotnen Granatbäumen ihre goldenen Brüste spannte? Oder war er damals bloß ein weiß glühender Nebelstreif? Lebte er schon im Herzen der Porphyre, war er, unverbrennlich, ihrer Lava entronnen, um nach und nach, eh er sich mit seiner Nase in die Welt wagte, den Granit und dann die Zelle der Alge zu bewohnen? Verdankte er dem geschmolzenen Jaspis seine Pechaugen? Dem lehmigen Morast sein Fell? Dem Seetang seine nachgiebigen Ohren? Dem flüssigen Feuer sein Fieberblut?

. . . Was bekümmerte ihn seine Herkunft! Still begnügt lag er in seiner Grube. Es war im August, ein gewitterschwüler,

zermürbender Nachmittag, der Himmel dunkel, pflaumenblau, hie und da geschwellt, als sollte er im nächsten Augenblick über der Ebene bersten.

Und schon hallte der Regen auf den Brombeerblättern. Immer schneller trommelten die schlanken Wasserstäbe. Langohr aber fürchtete sich nicht, denn die Regentropfen folgten aufeinander in einer ihm längst vertrauten Ordnung. Und die Nässe fühlte er nicht, denn das Wasser fiel auf die dichte Pflanzenwölbung. Nur ein einzelner Tropfen kam bis zum Grunde der Grube und schlug immer wieder auf dieselbe Stelle.

Und so bangte dem Graustrumpf nicht vor diesem Zusammenspiele. Wohl bekannt war ihm das Lied, worin die Tränen des Regens die langen

Strophen bilden, und er wußte, daß weder Hund noch Mensch, noch Fuchs oder Falke daran teil haben. Der Himmel war wie eine Harfe, die Silberfäden des strömenden Regens waren von oben hinunter gespannt. Und hier unten ließ jedes Ding sie auf eine besondere Art ertönen und nahm dann wieder seine ihm eigene Weise auf. Von den grünen Fingern der Blätter rauschten die gläsernen Saiten hoch und dumpf. Hatten die Nebel Seele und Stimme erhalten?