Im Waggon neben seinem eigenen hatte er noch einen kleinen Chok; die heißblütige Amerikanerin wandelte gerade in ladylikem Balancegang durch den Korridor. Hinter ihr wurde der bordeauxnasige alte Herr sichtbar, dessen Riechorgan leuchtender denn je war; im Munde hatte er eine frischangezündete Havanna, deren rote Spitze neben besagtem Organ nur unbedeutenden Effekt erzielte. Allan trat rasch in ein Coupé, um das Paar vorbei zu lassen; als die junge Dame passierte, entging ihm jedoch nicht ein Blick aus ihren grauen Augen — aber — o Wunder! Sah er recht? Diese Augen schienen nun fast freundlich mit der Ahnung eines Lächelns ganz tief drinnen. Sie fegte mit einem Rauschen von Seidenunterkleidern vorbei. Der alte Herr, dessen Augen einen befriedigten Sultanglanz angenommen hatten, watschelte hinter ihr drein, ohne einen Blick für Allan oder überhaupt etwas anderes als den weidenschlanken Rücken der Amerikanerin. Allan starrte ihnen nach, und zuckte zusammen, als er am Ende des Korridors den Herrn mit dem Schauspielergesicht erblickte, der die beiden mit dem hundertsten Teil eines Lächelns durch seinen goldgefaßten Zwicker musterte. Allan sah ihn einen Augenblick an und ging weiter.
Der Speisewagen war beinahe ganz besetzt; unten in der Ecke zunächst der Küche fand sich noch ein Tisch für zwei, der frei war. Der weißbejackte Agitator von vorhin wedelte mit einer Serviette quer über den Wagen, um anzudeuten, daß es ihm mit unerhörter Schwierigkeit gelungen war, Allan einen Platz an diesem Tisch zu reservieren. Allan ließ sich nieder, sah die Speisekarte an und ging sodann zur Weinliste über. Er war eben zu der Ueberzeugung gekommen, daß Graacher Auslese der richtige September- und Reisewein ist, als sich jemand an dem anderen Platz am Tisch niederließ. Er sah auf. Mit einer unlogischen Ueberraschung erkannte er in seinem Tischkameraden den Mann mit dem goldgefaßten Zwicker und dem Schauspielergesicht.
Dieser lächelte Allan wiedererkennend zu und begann dann zum Fenster hinauszusehen. Allan betrachtete eine Weile die Zirkusnummer des Kellners mit Schüsseln und Tellern zwischen den Tischen; jedesmal, wenn der Zug sich in einer Kurve seitlich neigte und er selbst vom Schwung auf eine Seite geschleudert wurde, dachte er mit einem Kitzeln in der Magengrube: Jetzt geht die ganze Bescherung zum Teufel! Aber kein einziges Mal gab es auch nur einen Fleck auf dem Tischtuch. Plötzlich stand der Kellner mit einem Suppenteller vor seinem Platz. Allan schnitt eine unwillkürliche Grimasse und schüttelte den Kopf. Suppe um diese Tageszeit! Der Mann mit dem Zwicker lächelte wieder leise, während er seinen Löffel in die Suppe tauchte.
„Sie sind kein Freund der deutschen Speiseordnung?“ sagte er.
„Nein, weiß Gott.“
„Der deutsche Wein sagt Ihnen besser zu?“
„Allerdings. Trinken Sie vielleicht ein Glas mit mir?“
Allans Laune stieg rasch um einige Grade, sowie er den Mund geöffnet hatte; er begann zu erfahren, daß der Mensch ein Gesellschaftstier ist, auch wenn er auf eigene Faust auf Abenteuer auszieht. Der Fremde verbeugte sich leicht.
„Mit Vergnügen, wenn Sie mir gestatten, Ihre Liebenswürdigkeit später zu erwidern.“
Allan winkte dem Kellner, ein Glas zu bringen. Er und der Fremde tranken sich zu.