„Wie können Sie es wagen, mich anzusprechen?“ rief sie.

Das war Allan doch zu stark. Er erhob sich mit der ironischsten Miene, die er aufbringen konnte — er fühlte, daß seine Wangen vor Verblüffung und Zorn noch ganz rot waren — und sagte mit einer untertänigen Verbeugung:

„Gestatten Sie mir, Sie in einem Punkte zu korrigieren, Madame. Wenn Sie es vermeiden wollen, noch mehr Gentlemen von meiner Art zu treffen, steht dem kein Hindernis im Wege: Das nächste Coupé ist ein Damencoupé.“

Mit so viel Würde, als man aufbringen kann, wenn man mit einem Stock, vier Zeitungen und einem Obstsack beladen ist, verließ er das Coupé. Ein langes, eiskaltes „im—per—ti—nence“ der Unbekannten durchbohrte seinen Rücken mit einem letzten Stich.

Der erste Mensch, den er im Korridor erblickte, war zu seiner Ueberraschung niemand anders als der dritte des Trios, das er beim Billettschalter in Hamburg gesehen — der dunkle Mann mit dem Schauspielergesicht, den Koteletten und dem goldgefaßten Zwicker. Als Allan aus der Coupétür trat, hatte er einen Augenblick den Eindruck, daß dieser Herr die ganze Szene drinnen verfolgt hatte und daß ein halb unmerkliches Lächeln um seine Mundwinkel zitterte. Aber im nächsten Augenblick waren seine Augen schon gerade durch die offene Türe seines eigenen Coupés gerichtet, in fernschauende Bewunderung der Heidelandschaft dort draußen versunken. Allan warf ihm einen kurzen Blick zu und ging an ihm vorbei den Korridor hinunter. Die anderen Wagenabteile waren mehr oder weniger voll, mit Ausnahme des Damencoupés, über dessen Existenz er die Unbekannte eben aufgeklärt hatte. Er kehrte zu dem Abteil zurück, vor dem der Mann mit dem Zwicker postiert war und fragte mit einer leichten Handbewegung:

„Sie gestatten?“

„Natürlich.“

Der Mann mit dem Schauspielergesicht neigte artig den Kopf. Allan ging hinein, warf sich auf das unbesetzte Sofa und zündete eine Zigarette an, nachdem er sich vorsichtig vergewissert hatte, daß er sich in einem Rauchcoupé befand.

Solch eine kleine, unverschämte Hexe! Amörrica, Amörrica! Hol’ der Teufel Amörrica und alle Amörrikanerinnen. Ferner mochte der Teufel ihn selbst holen und alle anderen Idioten, die sich auf sogenannte Abenteuerfahrten einließen, von falschen Irrlichtern gelockt. Und schließlich mochte er ihn selbst noch einmal holen, weil er von seinem Gepäck in Hamburg weggereist war, um sich ohne allen Anlaß von einer unverschämten, kleinen, schönen, verdammten Hexe beschimpfen zu lassen....

Seine ärgerlichen Betrachtungen dauerten ein paar Stunden. Der Zug sauste durch Osnabrück mit einigen Augenblicken der Pause in dieser friedenschließenden Stadt; er brauste weiter gegen Köln; Leute wanderten dem Speisewagen zu, um sich an dem Zwölfuhrdiner zu erquicken; unter anderen sah er die Amerikanerin und den alten Herrn mit der Raubvogelnase hinpilgern, jetzt im eifrigen Gespräch; aber Allan hatte das Interesse für das Ganze verloren. Die Septemberluft, die eben noch klar und blau gewesen, wie die Luft bei einem Abenteuer sein muß, war nunmehr kalt und von abstoßender Farbe; die Sonne ohne jede Wärme. Der Herr mit dem Zwicker kam in den Wagen und vertiefte sich in das Studium eines illustrierten Katalogs. Hie und da warf er einen verstohlenen Blick auf Allan, den dieser jedesmal mit einem herausfordernden Starren erwiderte. Schließlich ging Allan in den Korridor hinaus und hatte da wohl dreiviertel Stunden lang den Kopf zu einem Fenster heraushängen lassen, als der Agitator des Speisewagens ihn mit seinem: Wünschen die Herrschaften zu dinieren? aus seiner mißmutigen Laune riß. Er machte eine rasche Toilette und steuerte durch die Korridore dem Speisewagen zu.