„Nun, haben sie das?“
„Nein. Aber nehmen wir die Untersuchung nur vor.“
Er faßte die Türklinke. Die Türe war verriegelt. Bevor Allan es verhindern konnte, hatte er die Hand gehoben und geklopft.
„Oberst Morrel!“ flüsterte Allan. „Was tun Sie? Wenn nun —“
Er konnte seinen Satz nicht abschließen. Von drinnen war keine Antwort auf das Klopfen erfolgt, und plötzlich loderte die nur schlummernde Whiskyraserei des Obersten in hellen Flammen auf. Er stieß ein Brüllen aus, riß einen der Säbel der schwarzen Krieger an sich und hatte, bevor Allan noch wußte, wie ihm geschah, den Türspiegel mit einem Hieb gespalten, der wie ein Kanonenschuß durch den Korridor dröhnte. Noch zwei Hiebe, dann warf er sich mit voller Kraft gegen die Türe. Diese stürzte krachend ein; der Oberst flog hindurch, Allan in seinen Fußstapfen und die schwarzen Krieger in einem Strom hinterdrein. Sie erhaschten eben noch sein wunderliches Bild, bevor es, von sechs aufeinander folgenden Revolverschüssen des Obersten begleitet, verschwand.
Das Fenster stand offen, und über dem Fensterbrett tauchte in dem Augenblicke, in dem sie das Zimmer betraten, ein einfach gekleideter Mensch auf, oder richtiger der Kopf dieses Menschen, von einer grauen Sportmütze bedeckt. Er verschwand gerade, als sie über die Schwelle kamen, über den Rand des Fensterbrettes, von sechs Revolverkugeln des Obersten gefolgt, und Allan konnte sich noch nicht recht von seinem Staunen erholen, wie er da verschwinden konnte, als er auch schon am Fenster stand und die Lösung hatte. Eine feine Strickleiter fiel die Hausmauer entlang bis auf das Trottoir hinunter; die Person, die sie verschwinden gesehen, war schon unten angelangt; und gerade, als Allan und Oberst Morrel das Fenster erreicht hatten, kam das Ueberraschendste in dieser blitzschnellen Folge von Ereignissen. Der Flüchtling, der mit schlangenhafter Geschmeidigkeit die Strickleiter hinuntergeklettert sein mußte, und nunmehr, offenbar schon ganz im klaren über den Ernst der Situation war, hatte noch Zeit, eine hastige Bewegung mit der Hand zu machen — es war ein Zündhölzchen, das angerieben wurde. Gerade als Allan die Beine über das Fensterbrett warf um sich die Strickleiter hinunterzuschwingen, stand diese von einem Ende bis zum anderen in hellen Flammen; sie mußte wohl schon früher mit irgendeinem entzündlichen Stoff präpariert worden sein. Allan hatte gerade noch Zeit, sich über das Fensterbrett zurückzuziehen, bevor die Flammen darüber zusammenschlugen. In ohnmächtiger Wut schleuderte der Oberst seinen leeren Revolver dem Entwichenen nach. Er fehlte, und binnen einer Sekunde war der Flüchtling in einem schwarzen blanken Auto, das aus dem Nichts aufzutauchen schien ...
Allan und der Oberst wendeten sich einander zu, und ihre Augen riefen dasselbe Wort: Zu spät! — als sie beide etwas erblickten, das ihren Gedanken eine andere Richtung gab.
Und dieses etwas war Mynheer Jan van Schleeten, der berühmte Juwelenspezialist, der sich in einer Ecke des Zimmers auf dem Ellbogen von einer Chaiselongue aufrichtete und mit abwesenden Augen und offenem Munde um sich starrte. Neben ihm stand ein Werkzeugtisch und eine Mahagonikassette, die von glänzenden Edelsteinen überquoll. Und die ersten Worte, die Herr van Schleeten sagte, waren: „Sie! Wo ist sie?“
Jetzt war Allan Herr der Situation. Mit zwei Schritten war er bei Herrn van Schleeten; er nahm ein durchtränktes Taschentuch von der Brust dieses Herrn und schwenkte es gegen den Obersten:
„Sehen Sie, Oberst Morrel, was ein schwaches Weib vermag! Chloroform genug für ein Roß! Jetzt gilt es zu sehen, ob wir noch zurecht gekommen sind oder nicht. Herr van Schleeten, auf, helfen Sie uns, und denken Sie daran, daß Ihre Ehre und Ihr Name auf dem Spiele steht!“